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 Schulfenster NRW

Mit dem Blick durch das „Schulfenster NRW“ vermittelt die Stiftung Partner für Schule NRW den Besucherinnen und Besuchern ihrer Internet-Seite Eindrücke vom Schulalltag an nordrhein-westfälischen Schulen. Durch die regelmäßigen Schulportraits sollen insbesondere innovative Konzepte im Bereich der Schul- und Unterrichtsentwicklung, des Übergangs von der Schule in den Beruf, zum Ganztagsbetrieb sowie zur individuellen Förderung vorgestellt werden. Das aktuelle Schulfenster porträtiert die Regenbogenschule Duisburg-Marxloh.

Schulfenster 2:

Aus Unterschieden Chancen machen - Die Regenbogenschule Duisburg-Marxloh

„Ich träume von einer heilen Welt“ ist in riesigen bunten Buchstaben auf die graue Wand der Autobahnbrücke gemalt, die Besucher der Regenbogenschule in Duisburg-Marxloh mit dem Auto unterqueren müssen. Marxloh ist das, was im Behördendeutsch als „Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf“ bezeichnet wird. Dies bedeutet unter anderem: Hohe Arbeitslosenquote, hoher Anteil an Arbeitslosengeld II-Empfängern, hoher Migrantenanteil.

Ein schwieriges Umfeld, um Kinder und Jugendliche auf eine bessere Zukunft vorzubereiten. Die Lehrerinnen und Lehrer der Regenbogenschule versuchen es trotzdem. Schulleiter Mathias Eckardt kehrt leicht verstimmt in sein Büro zurück. Der Bus, der ihn und seine Schüler vom Schwimmunterricht zurückbringen sollte, hatte eine halbe Stunde Verspätung. Eckardt macht sich erst einmal einen Tee. Dann beginnt er zu erzählen: „Wir haben an der Regenbogenschule eine sehr spezielle Situation. Unsere 330 Schülerinnen und Schüler kommen aus rund 25 Nationen und von drei verschiedenen Kontinenten. Daraus ergibt sich natürlich ein besonderer Förderbedarf.“ Der resolute Pädagoge weiß wovon er spricht, schließlich mangelt es ihm nicht an Erfahrung: 30 Jahre Schuldienst, knapp 10 Jahre Lehrer an einer Hauptschule, fast 20 Jahre Rektor und Konrektor an einer Grundschule in Dusiburg-Neumühl – immer in sozialen Brennpunkten. Seit dreieinhalb Jahren ist Eckardt nun in Duisburg-Marxloh der „primus inter pares“ eines 21-köpfigen Kollegiums.

Der Stadtteil prägt das Schulprogramm

An der Regenbogenschule in Duisburg-Marxloh spricht nur rund ein Fünftel der unterrichteten Kinder deutsch als Muttersprache. 90 Prozent der Elternhäuser gehören zu den in letzter Zeit viel zitierten „bildungsfernen Schichten“. Aufgrund der sozialen Struktur des Stadtteils bemüht sich die Schule um eine intensive und vielseitige sprachliche Förderung der Schülerschaft. „Sprachförderung ist die tragende Säule unseres Schulprogramms“, erläutert Eckardt, denn: „Sprache erlernen und verstehen ermöglicht erst den Einstieg in Bildung.“


Daher erhält jede erste Klasse an der Grundschule zusätzlich zum regulären Stundenplan elf Stunden spezielle Sprachförderung pro Woche, jede zweite Klasse zusätzliche sechs Stunden. Ergänzt werden die insgesamt 15 Klassen an der Regenbogenschule durch eine „Auffangklasse“, in der Kinder in 2- bis 3-köpfigen Kleingruppen unterrichtet werden, die gerade erst nach Deutschland gekommen sind und somit über besonders schlechte oder gar keine Deutschkenntnisse verfügen.

Aus dem speziellen sozialen Umfeld der Regenbogenschule ergeben sich auch besondere Bedingungen für eine Zusammenarbeit mit den Eltern der Schülerinnen und Schüler. So sei es einerseits zwar schwer, erklärt Eckardt, Unterstützung von Eltern für Lesegruppen und Hausaufgabenbetreuung zu erhalten. Andererseits habe er schnell mal 60 helfende Hände zur Verfügung, wenn es um die Planung und Durchführung von Schulveranstaltungen und -festen gehe. Hürde für ein langfristiges Engagement an der Schule durch Eltern ist neben dem niedrigen Bildungsniveau auch die hohe Fluktuation in Duisburg-Marxloh. Familien ziehen in den Problembezirk, wenn sie aufgrund der Verschlechterung ihrer sozialen Situation billigen Wohnraum benötigen.

Ebenso schnell ziehen sie aber wieder weg, wenn sie ein neues Jobangebot erhalten. Daraus ergibt sich die hohe Wegzugs- und Zuzugsquote der Regenbogen-Schülerschaft, die im letzten Schuljahr bei rund 25 Prozent lag. „Die hohe Fluktuation der Schülerinnen und Schüler erleichtert natürlich nicht gerade Integrations- und Identifikationsprozesse in den einzelnen Klassen. Das ist auf jeden Fall ein für unsere Schule spezifisches Problem“, bedauert Eckardt. Bei vielen Schülerinnen und Schülern müsse zunächst einmal Selbstbewusstsein aufgebaut werden, damit eine Integration in Schulalltag und Klassenverbund überhaupt erst möglich wird.


Hierzu hat die Schule ein breites Projektangebot geschaffen, in dessen Rahmen Hemmschwellen, Sprachbarrieren und Lernhindernisse abgebaut werden. Beispielsweise finden in allen dritten Klassen der Schule im Vormittagsbereich MUSE-Projekte statt, also Projekte zur Förderung musikalischer und kommunikativer Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen. Im Nachmittagsbereich gibt es für die Regenbogen-Kinder, betreut von einer Künstlerin, je eine mit Gruppe Percussions und bildnerisches Gestalten.

Brückenbauen zum Weltkonzern

Neben der Bekämpfung der sprachlichen Defizite der Schülerschaft, ist die Regenbogenschule besonders um die Förderung des naturwissenschaftlich-technischen Verständnisses ihrer Schülerinnen und Schüler bemüht. Hierzu ist die Schule eine Lernpartnerschaft mit dem Stahlriesen Thyssen-Krupp eingegangen, der sein finanzielles Engagement nicht nur als Übernahme sozialer Verantwortung, sondern durchaus auch als langfristige Investition in potenzielle zukünftige Auszubildende versteht. Kern des Projektes „Forschend lernen – Technik erleben“ ist die Entwicklung und der Einsatz einer „Technikkiste“ zum Thema „Brückenbau“ im Unterricht. Lehrerin Nicole Koch, die zusammen mit ihrer Kollegin Ines Nolte das Projekt betreut, erläutert die Inhalte:

„Im Rahmen von „Forschend lernen – Technik erleben“ entwickeln unsere Kinder durch eigenes Handeln und Ausprobieren technisch-naturwissenschaftliches Grundverständnis. Durch die spielerische Auseinandersetzung mit dem Thema „Brückenbau“ bekommen sie ein Gefühl für Statik und Stabilität und lernen verschiedene Brückentypen kennen - zwanglos und mit sehr viel Freude!“. Und in der Tat, auf die Frage ob das Brückenbauen Spaß gemacht habe, schallt einem aus der Klasse 1a der Regenbogenschule ein lautes „Jaaaaa!“ entgegen.

Einige Kinder ergänzen mit strahlenden Augen, dass sie später einmal echte, große Brücken bauen wollten. Die Verantwortlichen bei Thyssen-Krupp dürften solche Aussagen sicher freuen.

Durchgeführt wurde das Projekt, das betreut und koordiniert wird von der Stiftung Partner für Schule NRW, in allen Klassen der Jahrgangstufen eins bis vier.

Dabei mussten auch die Lehrerinnen und Lehrer Einsatz zeigen: „Für das Kollegium gab es drei externe Fortbildungen in den Werkstätten des Seminars für Didaktik und Methodik des Sachunterrichtes an der Uni Münster. Hier zeigte uns ein Schreinermeister den richtigen Umgang mit Werkzeugen. Dadurch haben viele Kolleginnen und Kollegen die Angst davor verloren, mit Kindern an so was ranzugehen“, erklärt Koch.

Nun sei es Ziel, das entwickelte Unterrichtsmaterial mithilfe der Projektpartner übertragbar zu gestalten, damit auch andere Schulen von der „Technikkiste“ profitieren könnten. Und Schulleiter Eckardt hält fest: „Für eine Schule in unserer Situation war das Sponsoring ein absoluter Glücksfall!“

Das Schulkinderhaus – Ganztagsbetrieb der besonderen Art

Um berufstätige Eltern und besonders allein erziehende Mütter zu entlasten, bietet die Regenbogenschule bereits seit 14 Jahren ein Ganztagsangebot in Form des „Schulkinderhaus“ an. Organisiert vom Jugendamt betreuen drei Sozialpädagoginnen im Wechsel in speziellen Räumen auf dem Schulgelände 20 Schülerinnen und Schüler von Montag bis Donnerstag von viertel vor acht bis vier, sowie freitags von viertel vor acht bis drei Uhr. Das Angebot umfasst Mittagessen, Hausaufgabenhilfe und Spielbetreuung. Das Essen wird teilweise von einem lokalen Dienstleister geliefert, teilweise wird es auch von einer Köchin in der Einrichtung frisch gekocht.

Auch wenn nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der Schülerschaft das Ganztagsangebot in Anspruch nimmt, hält Schulleiter Mathias Eckardt die Arbeit im Schulkinderhaus für zielführend:

„Wir haben uns hier bewusst gegen den offenen Ganztagsbetrieb entschieden, weil wir in unserem Modell die Schülerströme, die wirklich dringend Nachmittagsbetreuung benötigen, kanalisieren können. Für eine effiziente, wirklich individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler der Regenbogenschule im Nachmittagsbereich bräuchten wir glattweg eine Verdoppelung der Lehrerbesetzung.“ Dies sei natürlich nicht zu finanzieren, stellt Eckardt nüchtern fest.

Nein, die heile Welt können die Pädagogen von der Regenbogenschule ihren Schülerinnen und Schülern nicht bieten. Aber sie versuchen jeden Tag, den Schulbesuch der Kinder als unbeschwerten Aufenthalt auf einer Lerninsel zu inszenieren. So werden bestehende Anlagen und Interessen der Schülerinnen und Schüler verstärkt, grundlegende Fähigkeiten spielerisch vermittelt und letztendlich aus Unterschieden Chancen gemacht. Der Alltag in Marxloh wird dadurch einfach etwas bunter, wie eine Autobahnbrücke durch ein Wandgemälde.

Die Regenbogenschule Duisburg-Marxloh:

Schulform:

Grundschule

Schülerzahl:

330

Kollegiumsstärke

21

Schulleiter:

Mathias Eckardt

Anteil Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund:

ca. 80 Prozent

Schwerpunkte im Schulprogramm:

• Sprachförderung
• Förderung des technisch-naturwissenschaftlichen Verständnisses der Schülerschaft

Ganztagsbetrieb:

Kein offener Ganztagsbetrieb, aber seit 14 Jahren Ganztagsangebot durch das „Schulkinderhaus“


Ansprechpartner Stiftung Partner für Schule NRW: Adrian Pickshaus


Weitere Informationen zum Projekt

Bisher erschienen: