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 Schulfenster NRW

Mit dem Blick durch das „Schulfenster NRW“ vermittelt die Stiftung Partner für Schule NRW den Besucherinnen und Besuchern ihrer Internet-Seite Eindrücke vom Schulalltag an nordrhein-westfälischen Schulen. Durch die regelmäßigen Schulportraits sollen insbesondere innovative Konzepte im Bereich der Schul- und Unterrichtsentwicklung, des Übergangs von der Schule in den Beruf, zum Ganztagsbetrieb sowie zur individuellen Förderung vorgestellt werden. Das aktuelle Schulfenster widmet sich einem Sommerthema: Portraitiert wird die JuniorAkademie NRW, ein Feriencamp für hochbegabte nordrhein-westfälische Schülerinnen und Schüler im Jugenddorf Christophorusschule in Königswinter.

Logo: Schulfenster NRW


Schulfenster 4:

Das Camp der klugen Jugend – Die JuniorAkademie NRW

Die Stadt der Zukunft wird in Königswinter gebaut. Ihre zylinderförmigen Hochhäuser ähneln Tannenbäumen. Sie sind erdbebensicher und sturmfest. Die Fundamente stehen auf schwimmenden Plattformen, deren Prinzip den Victoria- Seerosen nachempfunden ist. Die Belüftungskonzepte der futuristischen Bauten orientieren sich am Aufbau der Behausungen von Präriehunden. Und auch die Verkehrsprobleme der Metropole werden durch ein Vorbild aus der Natur gelöst: Angelehnt am menschlichen Blutkreislauf wird der Verkehr in übereinander liegenden Tunneln in die Stadt rein- bzw. aus der Stadt rausgeleitet. In verschiedenen Knotenpunkten - „Herzen“ - können die Verkehrsteilnehmer die Richtung wechseln. So einfach, so genial.

Die Architekten der fiktiven Megacity sind keine Wissenschaftler oder Ingenieure. Es sind nordrhein-westfälische Schüler im Alter von 12 – 16 Jahren, Teilnehmer des Kurses „Bionik“ an der JuniorAkademie Nordrhein-Westfalen. In diesem Sommercamp für Hochbegabte, unterstützt von der Stiftung Partner für Schule NRW, verbringen insgesamt 45 Jungen und Mädchen die letzten beiden Ferienwochen. Auf dem weitläufigen Gelände der christlichen Privatschule, malerisch gelegen am Fuße des Siebengebirges, beschäftigen sich die Jugendlichen mit zukunftsweisenden Forschungsfeldern wie Nanotechnologie und künstliche Intelligenz.
drei jugendliche "Architektinnen"

Oder eben mit Bionik, der Übertragung von Erfindungen der Natur in die Welt der Technik. Auch die Stärkung sozialer Kompetenzen spielt eine wichtige Rolle. Teamfähigkeit, Eigeninitiative und selbstbewusstes Auftreten bei gleichzeitiger Rücksichtsnahme werden an den zwölf Akademietagen gefördert. Damit kein Lagerkoller entsteht, gibt es für die jungen Ausnahmetalente ein umfangreiches Sport- und Musikprogramm.

Das perfekte Lernunmfeld

Eines der vermeintlichen Wunderkinder ist Benedikt. Der braungebrannte Blondschopf klebt Sonnenliegen aus Knete auf das Dach eines Wolkenkratzer-Modells. Mit zwei Gleichaltrigen hat der Vierzehnjährige das perfekte Gebäude erdacht und gebastelt. Jetzt geht es nur noch um den Feinschliff für die Abschlusspräsentation vor den Eltern und Lehrern der Teilnehmer. Auf Nachfrage zählt der Junge routiniert die Vorteile des Akademieprogramms im Vergleich zum Schulalltag auf: „Das Niveau hier ist natürlich sehr viel höher als in der Schule. Aber man kann auch viel mehr ausprobieren und es ist alles viel praktischer. Außerdem sind die Räume super ausgestattet.“

Schüler beim Referat Und in der Tat, das Lernumfeld wirkt nahezu perfekt. Zwei Betreuer, einer aus dem pädagogischen, einer aus dem wissenschaftlichen Bereich, kümmern sich um eine Schülergruppe von rund 15 Jugendlichen. Der Kursraum ist hell und freundlich. Zwischen den Bastelmaterialien stehen Notebooks der neuesten Generation. Hauptschullehrer würden hier feuchte Augen kriegen.

Von der Hauptschule kommt keiner der 45 Akademieteilnehmer. Das schließt schon das Bewerbungsverfahren zur JuniorAkademie kategorisch aus. Denn zu Jahresbeginn wurden alle nordrhein-westfälischen Gymnasien und Gesamtschulen dazu aufgefordert, eine begabte Schülerin oder einen begabten Schüler der Jahrgangsstufe 8 oder 9 für das Sommercamp zu empfehlen. Aus über 400 Vorschlägen rekrutierte eine Fachjury schließlich die 24 Mädchen und 21 Jungen, die in der zweiten Julihälfte die Reise nach Königswinter antreten durften. Auswahlkriterien waren Eigenschaften wie die intellektuelle Befähigung, eine ausgeprägte Leistungsmotivation sowie Leistungsbereitschaft. Hervorragende Schulleistungen spielten nur eine untergeordnete Rolle. Die Teilnahme an der Juniorakademie kostet die Schüler 350 Euro, Hochbegabte aus finanzschwachen Familien unterstützt ein Stipendiensystem.


Neue Perspektiven jenseits des Schulalltags

„Wir wollen hier vielseitig begabten Schülern neue Perspektiven jenseits des Schulalltags eröffnen. Neben dem Kennenlernen zukunftsträchtiger Forschungsbereiche steht vor allem die Persönlichkeitsentwicklung der Teilnehmer im Vordergrund“, erläutert der Leiter der Juniorakademie, Michael Funke. Der robuste Mittdreißiger mit dem jungenhaften Pagenschnitt ist eigentlich Biologie- und Chemielehrer an einem Gymnasium in Wesseling. Folglich kennt er die Unterschiede zum regulären Schulbetrieb ganz genau: „Natürlich haben wir an der JuniorAkademie ein Angebot in Ausstattung und Betreuung, mit denen die Schulen unserer Jugendlichen nicht mithalten können. Das sollen sie aber auch gar nicht, wir verstehen das hier als Ergänzungsangebot.“

Der Vollblutpädagoge sieht aber auch Parallelen zwischen Schul- und Akademiewelt. Auch im Camp müssten soziale Probleme durchgefochten, Integrationsschwierigkeiten bewältigt werden. Denn gerade herausragende Schüler hätten Schwierigkeiten, mit den ihnen zugeschriebenen Rollenbildern klarzukommen: Musterschüler oder Sonderling, Genie oder Besserwisser. Funke unterteilt seine Klientel grob in zwei Kategorien: „Da ist zum einen der Typ Überflieger. Wenn er hier ins Camp kommt, strotzt er nur so vor Selbstbewusstsein und Überheblichkeit. Durch den Umgang mit anderen Hochbegabten wird er während seines Akademieaufenthalt geerdet. Der zweite Typ ist eher schüchtern und verschlossen.“ Diese Jugendlichen seien häufig Anfeindungen in ihrer Klassengemeinschaft ausgesetzt und trauten sich im Extremfall gar nicht mehr, im Unterricht etwas zu sagen. „Im Rahmen der JuniorAkademie geben wir ihnen Raum zur Entfaltung. Es ist schön, wenn sich nach ein paar Tagen hier wieder ein Hauch des Lächelns in ihrem Gesicht zeigt“, erzählt Funke.


Unstillbarer Wissensdurst

Von Problemen mit seinen Mitschülern kann auch Benedikt berichten: „Für viele von denen ist man immer gleich ein Streber, nur weil man gute Noten hat. Das nervt“, sagt der Junge ernst. Er unterbricht die Arbeit an seinem Wolkenkratzer, gleich gibt es Mittagessen. Um zwei geht es weiter mit Chorprobe, dann wieder Kursarbeit „Bionik“. Am Abend will Benedikt noch den Rhetorikkurs besuchen, eines der Zusatzangebote an der Akademie. „Es ist toll, dass wir hier so viele verschiedene Möglichkeiten haben“, sagt der Vierzehnjährige begeistert. „Und es ist toll, dass alle so motiviert sind.“ Für die Betreuer an der Juniorakademie kann soviel Leistungsbereitschaft ganz schön anstrengend sein. Jeremy Rögner ist Ende zwanzig und studiert in Bremen Informatik sowie Musik und Politik auf Lehramt. In Königswinter leitet er den Kurs „Künstliche Intelligenz“. Doch leisten muss er viel mehr: „Du stehst hier wirklich von acht Uhr morgens bis zehn Uhr abends in Verantwortung. Danach bist du fix und fertig. Aber es macht eine Menge Spaß.“ Fasziniert ist Rögner vor allem von der Wissbegierde der Hochbegabten: „Die Jugendlichen saugen wirklich alles gierig auf. Sie sind immer aufmerksam, verstehen sehr schnell und fragen sofort nach.“ Großer Wissensdurst also, der in den knapp zwei Wochen Juniorakademie eher noch verstärkt als gestillt wird.

Damit der massive Input für die Hochbegabten im Camp nicht nur dem berühmten Tropfen auf dem heißen Stein gleichkommt, setzen die Organisatoren auf Nachhaltigkeit und Networking. „Hier bei uns entwickeln sich echte Freundschaften zwischen den Teilnehmern, denen wir mit unserem Ehemaligennetzwerk eine Struktur geben“, erläutert Akademieleiter Funk. „Für unsere Jugendlichen ergeben sich auch langfristige Kontakte zu Dozenten, Universitäten und Unternehmen. Inhaltlich spinnen die Schülerakademien - als Angebot für Schüler der Oberstufe -unseren Faden weiter.“

Veranstaltet wird die JuniorAkademie NRW vom nordrhein-westfälischen Ministerium für Schule und Weiterbildung. Gefördert wird das Sommercamp von verschiedenen Vereinen, Verbänden und Institutionen. Auch zahlreiche Unternehmen aus dem naturwissenschaftlich-technischen Bereich engagieren sich im Akademieprogramm durch den Einsatz von Ressourcen, Know-how und Personal. Verständlich, haben doch gerade sie ein vitales Interesse daran, den viel beklagten Fachkräftemangel in Deutschland durch effiziente Nachwuchsförderung zu bekämpfen.

Ob Benedikt und seine Freunde später einmal berühmte Bioniker werden ist freilich noch nicht abzusehen. Vertieft wird das Technikinteresse und –verständnis bei den hochbegabten Jungs und Mädchen an der Juniorakademie allemal. Und so wird der Grundstein für die Stadt der Zukunft vielleicht wirklich in Königswinter gelegt.


Die JuniorAkademie NRW, Königswinter:

Organisationsform:

2-wöchiges Feriencamp zur Hochbegabtenförderung

Schülerzahl:

45

Personal:

8 Betreuerinnen und Betreuer (4 aus dem pädagogischen, 4 aus dem wissenschaftlichen Bereich)

Akademieleiter:

Michael Funke

Besondere Förderangebote:

Förderkurse Bionik, Nanotechnologie, künstliche Intelligenz

ErgänzendeAngebote:

Sprachkurse, Sportprogramm, Gesangschor & Band


Ansprechpartner Stiftung Partner für Schule NRW: Adrian Pickshaus


Weitere Informationen zum Projekt

Bisher erschienen: