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 Schulfenster NRW

Mit dem Blick durch das „Schulfenster NRW“ vermittelt die Stiftung Partner für Schule NRW den Besucherinnen und Besuchern ihrer Internet-Seite Eindrücke vom Schulalltag an nordrhein-westfälischen Schulen. Durch die regelmäßigen Schulportraits sollen insbesondere innovative Konzepte im Bereich der Schul- und Unterrichtsentwicklung, des Übergangs von der Schule in den Beruf, zum Ganztagsbetrieb sowie zur individuellen Förderung vorgestellt werden. Das aktuelle Schulfenster porträtiert die Drost-Rose-Realschule in Lippstadt.

Schulfenster 3:

20 Meter liegen zwischen Mathe und Deutsch - Die Drost-Rose-Realschule in Lippstadt

Auf den Schulfluren herrscht reger Betrieb. Feixend und johlend die einen, lässig und cool die anderen, laufen die Schülerinnen und Schüler der Drost-Rose-Realschule durch ihr Schulgebäude. Normaler Schulalltag? Nur auf den ersten Blick, denn bei genauerem Hinsehen erschließt sich dem Betrachter Besonderes. Auf den Schildern neben den Türen steht nicht etwa „9c“ oder „6b“, sondern „Frau Dickhut“ oder „Herr Hesse“. Und wenn man Schülerinnen und Schüler schließlich nach dem Weg zum Lehrerzimmer fragt, erntet man ein spöttisches Grinsen, gefolgt von einer kessen Gegenfrage: „Welches Lehrerzimmer meinen Sie?“ Der Grund: Die in den unteren Klassen vier- und in der Jahrgangsstufe 10 fünfzügige Realschule im westfälischen Lippstadt verfügt über ein alternatives Raumkonzept, das in immer mehr nordrhein-westfälischen Schulen umgesetzt wird. Anstatt in zahlreichen verschiedenen Klassen- und Fachräumen unterrichtet zu werden, werden die insgesamt 630 Schülerinnen und Schüler von ihren 40 Lehrerinnen und Lehrer in deren eigenen Lehrerräumen empfangen.

Zu Gast bei Frau Pieper, Deutsch, Textil und Philosophie. Gerade ist „Stundenwechsel“, die Schülerinnen und Schüler einer achten Klasse verlassen den Raum. Kurze Verschnaufpause für die Pädagogin, bevor die nächsten wissbegierigen Besucherinnen und Besucher eintreffen. An den Wänden in ihrem Raum spiegeln sich die Fächer wieder, die sie unterrichtet. Da hängen bunte Stoffproben neben Postern mit aufgeklebten Grammatik- und Rechtschreibübungen neben Bildern berühmter Philosophen. Der Raum wirkt hell und freundlich. Es kann Spaß machen, hier etwas zu lernen. Das Lehrerraumprinzip findet Pieper hervorragend – aus praktischen Gründen: „Gerade im Fach Textil bin ich auf sperrige Unterrichtsmaterialien wie Stoffe und Scheren angewiesen. Die jedes Mal in die einzelnen Klassenräume zu tragen, wäre nicht sehr angenehm.“ In ihrem Lehrerraum dagegen könne sie Dinge deponieren und im Unterricht flexibel einsetzen, so die Pädagogin.

Alte Räume mit neuem Nutzen

Armin Wiegard verfügt auch über einen solchen Lehrerraum – und über ein Büro. Denn der Pädagoge bringt seinen Schützlingen nicht nur katholische Religion und Mathematik näher, er ist zugleich bereits seit 19 Jahren Schulleiter an der Drost-Rose-Realschule.

Gemeinsam mit seinem Konrektor Peter Kegel brachte er das Lehrerraumprinzip vor rund 8 Jahren auf den Weg. „Als das Konzept von einem Mitglied unseres Kollegiums an uns herangetragen wurde, waren wir zunächst skeptisch. Die Vorteile erschlossen sich uns nicht sofort, und der mit der Neuorganisation verbundene Aufwand erschien doch recht hoch“, erzählt Wiegard. Erst ein Einblick in die schulische Praxis habe die Augen für die simple aber geniale Idee geöffnet.

So besuchten Wiegard und Kegel Anfang 1999 zusammen mit weiteren Kolleginnen und Kollegen eine Arnsberger Realschule, die das Prinzip „weg vom Klassenzimmer – hin zum Lehrerraum“ bereits seit längerer Zeit praktizierte. Peter Kegel war positiv überrascht: „Ein Punkt, der uns sofort ins Auge fiel, war die Sauberkeit der Schule. So waren die Räume auch nach sechs Stunden Unterricht noch in einem sehr sauberen Zustand vorzufinden. Überraschend war auch festzustellen, dass die Kollegen in der anderen Schule die Lehrerpulte in den Klassenräumen als persönliche Schreibtische benutzten. Das ist beim Klassenraumprinzip nicht möglich.

Wiegard und Kegel entschlossen sich zum Handeln. Sie überzeugten das Kollegium, einen einjährigen Probelauf im Schuljahr 1999/2000 zu starten. Auf einer Schulkonferenz wurden auf Eltern- und Schülerseite letzte Bedenken ausgeräumt. „Organisatorisch stellte die Realisierung des Lehrerraumprinzips gar keine so große Herausforderung dar“, stellt Konrektor Kegel fest.


„Zu Anfang war es etwas kompliziert und ungewohnt, die neuartigen Stundenpläne zu erstellen. Aber mithilfe von Softwareprogrammen war auch das kein Problem“, erklärt der Pädagoge. Das von einigen Skeptikern befürchtete Chaos auf den Schulfluren, ausgelöst durch den gleichzeitigen Raumwechsel der gesamten Schülerschaft, sei ebenfalls nicht eingetreten.

„Die Schülerinnen und Schüler sind beim Raumwechsel in der Regel sehr diszipliniert. Und durch effiziente Stundenplanung vermeiden wir, dass alle Schülerinnen und Schüler ständig gleichzeitig auf Wanderschaft sind“, erläutert Schulleiter Wiegard.

Eintauchen in Fachwelten

Nach der einjährigen Probephase wurde bei einer Abstimmung im Kollegium die Fortführung des Lehrerraumkonzeptes mit einstimmiger Mehrheit verabschiedet. „Heute ist das Thema bei uns durch. Die handfesten Vorteile der Lehrerräume lassen sich einfach nicht weg diskutieren“, postuliert Wiegard. Zum Beispiel die Möglichkeit für Lehrerinnen und Lehrer, ihre Unterrichtsräume individuell zu gestalten und auf die Bedürfnisse ihrer Fächer auszurichten. Schülerinnen und Schüler betreten nicht einfach einen Raum, sie tauchen in eine Welt ein. „Ein Schüler verlässt z.B. das Fach Deutsch nach der Unterrichtsstunde nicht nur geistig - sondern auch physisch! Er bewegt sich und kommt schließlich, ganz auf Mathematik eingestellt, in meinen dementsprechend gestalteten Lehrerraum“, erklärt Wiegard begeistert.

Des Weiteren müssen Unterrichtsmaterialien vom Lehrpersonal nicht mehr mitgebracht werden – sie sind im Lehrerraum ständig vorhanden und flexibel einsetzbar. Das stellt für Schülerinnen und Schüler wortwörtlich eine „Erleichterung“ dar: Sie können ihre Schulbücher zuhause lassen, da sie in den Lehrerräumen Exemplare zum innerschulischen Gebrauch vorfinden. „Das hat am Anfang zwar Mehrkosten verursacht, rentiert sich inzwischen aber, da die Bücher durch den Transport in den Ranzen und Rucksäcken nicht mehr so schnell verschlissen werden“, bemerkt Wiegard.

Kostenreduktion durch eingeschränkten Zugriff auf hochwertige Technik - so lässt sich ein weiterer Vorteil des Lehrerraumprinzips auf den Punkt bringen. Denn die Computer, Laptops, Beamer und Overhead-Projektoren sind in den Unterrichtsräumen nun dem unbeaufsichtigten Gebrauch der Schülerinnen und Schüler entzogen. Die Türen zu den Lehrerräumen bleiben verschlossen, bis die jeweilige Lehrkraft sie aufschließt. Umgekehrt entwickeln die Lehrerinnen und Lehrer ein starkes Verantwortungsbewusstsein für die ihnen anvertrauten Geräte:

„Es macht halt einen Unterschied, ob zehn Kolleginnen und Kollegen sich einen Beamer teilen, oder ob sich einer persönlich für das Gerät zuständig fühlt“, so Konrektor Kegel. Reparaturkosten hätten so spürbar gesenkt werden können.

An der Drost-Rose-Realschule gibt es 26 Lehrerräume für 40 Lehrerinnen und Lehrer. Dieses Verhältnis ergibt sich durch die besonderen räumlichen Anforderungen von Fächern wie Chemie, Physik oder Technik. Für diese Lernumgebungen werden Nutzungs-Koalitionen gebildet, bei denen sich zwei oder mehr Lehrkräfte Räumlichkeiten teilen. Gleiches gilt für Lehrerinnen und Lehrer, die nur Teilzeit unterrichten. Bauliche Maßnahmen mussten zur Umsetzung des Konzeptes nicht ergriffen werden – auch im Nachhinein nicht. Denn negative Auswirkungen auf das soziale Klima an der Schule hätten sich weder bei Schülerinnen und Schülern noch bei Lehrerinnen und Lehrern ausmachen lassen, betont die Schulleitung.

Auf den Schulfluren ist dann aber doch die ein oder andere kritische Stimme zum Lehrerraumprinzip zu vernehmen: „Na klar finden die Lehrer es toll, dass sie ihre eigenen Räume haben. Aber ich zum Beispiel schlepp den ganzen Tag lang meinen schweren Mofa-Helm mit durch die Schule. Der war echt teuer, den lass ich doch nicht auf`m Gang stehen“, sagt ein Schüler der Jahrgangsstufe 10, der ungenannt bleiben möchte.

Vielseitigkeit ist Schulprogramm

Neben dem Lehrerraumprinzip bemüht sich die Schule stets um Innovationen im Bereich der Schul- und Unterrichtsentwicklung. So wurden an der Drost-Rose-Realschule frühzeitig die Fächer Technik und Informatik als reguläre Unterrichtsfächer eingeführt. Im musischen Bereich bietet die Schule ihren Schülerinnen und Schülern seit rund fünf Jahren in den Jahrgangsstufen 5-7 eine Bläserklasse an, in deren Rahmen zusätzlicher Musikunterricht mit dem Erlernen eines Blasinstruments verbunden wird. Mithilfe eines von der Firma Yamaha entwickelten pädagogischen Konzeptes werden den jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern in diesem Musikprojekt Basiskompetenzen wie Disziplin, Konzentrationsfähigkeit und Teamfähigkeit vermittelt.

Insgesamt ist der Drost-Rose-Realschule an der Förderung der Vielseitigkeit menschlicher Talente gelegen, eine Zulieferer-Funktion von Nachwuchs für bestimmte Berufsgruppen wird nicht angestrebt: „Schüler haben verschiedene Begabungen. Neben den Klassikern wie Deutsch, Mathe und Englisch versuchen wir immer wieder den speziellen Neigungen der Schülerinnen und Schüler Ausdrucksmöglichkeiten zu geben“, erläutert Schulleiter Wiegard. Auch der Bildung der sozialen Kompetenz wird durch ein spezielles Sozialtraining und ein Streitschlichterprogramm ein besonderes Gewicht gegeben.


Die Drost-Rose-Realschule, Lippstadt:

Schulform:

Realschule

Schülerzahl:

624

Kollegiumsstärke

40

Schulleiter:

Armin Wiegard

Besondere Förderangebote :

• Bläserkklasse zur Förderung von
Basiskompetenzen
• Sozialtraining
• Streitschlichterprogramm


Ansprechpartner Stiftung Partner für Schule NRW: Adrian Pickshaus


Weitere Informationen zum Projekt

Bisher erschienen: