Schulfenster 9:
Perspektive Ausbildung
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Die Hauptschule, häufig diskutierte Schulform, ist mit vielen Vorurteilen behaftet. In Gevelsberg im Ennepe-Ruhr-Kreis hat das Kollegium der Hauptschule die Debatten satt. Gemeinsam mit der Stadt und Unternehmen starteten sie ein Experiment, dass allen Beteiligten eine neue Perspektive verspricht.
Eine Ausbildungsgarantie: Die Gewerkschaften fordern seit langem, das Land Bayern hat etwas Ähnliches, die Gemeinden Dorsten und Iserlohn in Nordrhein-Westfalen haben vorgemacht, wie solch ein Projekt angestoßen wird. Niemand wird aber dabei so verbindlich wie die Gevelsberger. Mit einem rechtsgültigen Vertrag verspricht die 32 000-Einwohnergemeinde den Absolventen eine Menge. |
Ari schreibt jetzt Zweien in Mathe, Laura hilft einmal in der Woche im Kindergarten und Cem nimmt sein Käppi ab, wenn er sich mit den Lehrern unterhält. Die Neuntklässler der Hauptschule Gevelsberg benehmen sich anders, seit sie vor einem halben Jahr den Vertrag mit Ausbildungsgarantie unterschrieben haben, sagt Rektorin Henrike Hallmann und liefert auch gleich die Erklärung dazu. „Unsere Schüler brauchen eine Perspektive.“
Vor dem Ausbildungspakt mit der Stadt seien etwa 25 Prozent der Absolventen in eine duale Ausbildung gewechselt, sagt die Schulleiterin. Die anderen gingen weiter zur Schule oder arbeiten ungelernt. Obwohl die meisten gerne eine Ausbildung machen würden. Die Folge der mangelnden Perspektiven ist, wenig Lust bei den Schülern sich in der Schule zu engagieren.
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Und auch den Hauptschullehrern fehlt durch die Situation oft eine Perspektive ihrer Arbeit. Durch die Ausbildungsgarantie hofft die Schulleiterin jetzt darauf, dass mindestens 50 Prozent ihrer Jugendlichen nach dem Abschluss einen Ausbildungsplatz bekommen.
Gevelsberg steht mit seinen Übergangsquoten für einen bundesweiten Trend. Für Hauptschüler ist der Übergang in den Beruf nicht einfach. Nach Untersuchungen des Bundesinstituts für Berufsbildung möchten rund 70 Prozent der Hauptschulabsolventen eine duale Ausbildung beginnen, unmittelbar nach der zehnten Klasse sei aber nur jeder Vierte erfolgreich. Die anderen gingen weiter zur Schule oder nähmen an berufsvorbereitenden Maßnahmen teil. Von einem Teil der Jugendlichen werde das als Möglichkeit der Chancenverbesserung gesehen, häufig aber als Notlösung mangels besserer Alternativen. Nach 30 Monaten sind etwa 60 Prozent in einer dualen Ausbildung, der Rest ist in berufsqualifizierenden Maßnahmen, geht weiter zur Schule, arbeitet ungelernt oder ist arbeitslos.
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Grundlage der Ausbildungsgarantie in Gevelsberg ist ein Vertrag zwischen der Stadt und den Jugendlichen. 63 von 70 Hauptschülern des neunten Jahrganges haben unterschrieben. 180 Sozialstunden in anderthalb Jahren, mindestens eine zwei in den Kopfnoten, im Durchschnitt eine drei auf dem Zeugnis und keine unentschuldigte Fehlstunde, wer diese Regeln einhält, bekommt einen Ausbildungsplatz, verspricht die Stadt. Aber die Stadt ist nicht alleine. Unter anderem unterstützen 35 Unternehmen und die örtlichen Industrie- und Handwerkskammern das Projekt. |
„Die Firmen in der Region waren von Anfang an sehr offen für den Ausbildungspakt. Eine große Rolle spielt dabei die Überzeugung, dass nur das Unternehmen eine Zukunft hat, dass langfristig über eigenen Fachkräftenachwuchs verfügt. Die demographische Entwicklung führt schließlich zwangsläufig zu einer Fachkräfteverknappung in den nächsten Jahren“, sagt Bürgermeister Claus Jacobi.
Es sind auf den ersten Blick einfache Verhaltensweisen, die die Jugendlichen erfüllen müssen, um den Vertrag zu erfüllen. An Türen in der Hauptschule kleben Schilder mit Verhaltensregeln, die dazu ermahnen kein Kaugummi zu kauen und das Käppi abzunehmen. Hier wird das trainiert, was im Betrieb hinterher selbstverständlich sein sollte. „Eine Kopfbedeckung zu tragen, signalisiert schon während des Praktikums dem Handwerksmeister mangelnde Höflichkeit. Daran sind schon Ausbildungsverträge gescheitert“, sagt Hallmann.
Mindestens ebenso wichtig sei Pünktlichkeit für die Ausbildungsbetriebe. Deshalb ist auch das ein Ziel des Ausbildungsvertrages. Davon profitiert die Schule, denn im Gegensatz zu vorher können die Lehrkräfte damit Pünktlichkeit in den meisten Fällen tatsächlich durchsetzen. Wenn die Jugendlichen beispielsweise mehr als fünfmal zu spät kommen, muss der Vertrag gekündigt werden. Höflichkeit und Pünktlichkeit gegenüber anderen ist das Eine, die 180 Sozialstunden hingegen sollen unmittelbar den Jugendlichen zugute kommen. Umgerechnet auf anderthalb Schuljahre sind das etwa drei Stunden in der Woche.
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Diese Zeit kann in Sportvereinen verbracht werden, mit ehrenamtlicher Arbeit oder mit externen Kursen außerhalb der Schule, etwa zur Berufsorientierung. „Wir wollen erreichen, dass sie sich engagieren, dass sie rausgehen. Denn viele unsere Jugendlichen kennen von Hause als Freizeitgestaltung nur Fernsehen und Computer“, sagt Hallmann.
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Im Rahmen der Ausbildungsgarantie müssen die Lehrerinnen und Lehrer jetzt ihre Kriterien für die Partner transparent machen. „Damit stehen auch wir unter Druck“, sagt Rektorin Hallmann. Und nicht nur die Lehrer. Mit der Ausbildungsgarantie verspricht auch die Stadt viel. Bürgermeister Jacobi hat aber keine Angst, die Jugendlichen zu enttäuschen. „Ich verlasse mich auf seriöse Partnerunternehmen, die die zugesagten Ausbildungsstellen zur Verfügung stellen.“ |
Zudem seien die Industrie- und Handelskammern eng in das Konzept eingebunden. Letztendlich ist die Durchführbarkeit der Garantie eine Frage der Nähe, sagt Jacobi. Deshalb glaubt er auch nicht, dass man solch ein Projekt auf Landesebene durchführen könne. „Das Projekt funktioniert nur, wenn eine entsprechende Vertrauensbasis vorhanden ist.“
Ob das Versprechen in Gevelsberg aufgeht wird sich in einem Jahr zeigen, wenn die Schülerinnen und Schüler die zehnten Klassen verlassen. Bis dahin hat das Lehrerkollegium noch einiges zu tun. Aber trotz der Mehrarbeit scheint die Ausbildungsgarantie die Lehrer zu motivieren. Denn durch die Ausbildungsgarantie haben nicht nur die Jugendlichen wieder eine Perspektive bekommen, sondern auch die Lehrkräfte haben jetzt wieder ein konkretes Ziel für ihre Erziehungsarbeit.
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