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"Eigenverantwortliche Schulen brauchen pädagogische Führung."

Ein Gespräch mit dem Dortmunder Schulentwicklungsforscher Hans-Günter Rolff über neue Anforderungen an Schulleitung

Hans-Günter Rolff "Ich würde jedem Schulleiter empfehlen, mit einer Steuergruppe zu arbeiten, in der er Probleme ansprechen und verschiedene Methoden diskutieren kann; ganz wichtig dabei ist: Schwerpunkte setzen", erklärt Prof. Dr. Hans-Günter Rolff im Gespräch mit forum schule


forum schule: Herr Rolff, als Professor für Schulentwicklungsforschung arbeiten Sie seit Jahren in der Schulleiterfortbildung. Was zeichnet den Beruf des Schulleiters heute aus?

Hans-Günter Rolff: Schulleitung ist vom Anspruch her heute ein eigenständiger Beruf geworden. Schulleiter müssen neuerdings dafür sorgen, dass Daten aus Schulleistungsstudien, Lernstandserhebungen, der Qualitätsanalyse und demnächst auch aus zentralen Abschlussprüfungen in Unterrichtsentwicklung umgesetzt werden. Sie müssen sich immer intensiver um schulische Erziehungsfragen, besonders um Wertevermittlung kümmern. Wichtig ist natürlich auch der Bereich der Personalentwicklung. Mit schulscharfen Ausschreibungen machen Schulleiter heute Personalpolitik. Das sind nur einige Beispiele. Schulleitung ist heute also viel anspruchsvoller geworden und muss Aufgaben bewältigen wie sie auch Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens haben. So gibt es beispielsweise in Dortmund  und Köln das Projekt Schulleitungschoaching durch Seniorexperten, das verstärkt Managementwissen für die Schule nutzbar machen soll.

fs: Heißt das, gute Schulleiter sind vor allem gute Manager?

Rolff: Nein, das wäre zu kurz gegriffen. Ein guter Schulleiter muss zwar auch ein guter Manager sein und für einen möglichst reibungslosen Schulbetrieb sorgen. In erster Linie zeichnet er sich aber durch die Fähigkeit aus, pädagogisch führen zu können. Er muss strategisch denken und handeln. Er muss Kohärenz herstellen, also Vielfalt in einem gemeinsamen Rahmen ermöglichen. Der amerikanische Führungsforscher Warren Bennis hat den Satz geprägt, Führung heißt, die richtigen Dinge zu tun, managen heißt, die Dinge richtig zu tun. Beides gehört zusammen.

fs: Pädagogisch führen und sachgerecht delegieren – Wie zeigt sich das im Schulalltag?

Rolff: Schulleiter müssen durch Vorbild und Überzeugung und nicht durch Anordnung führen und ein Vertrauens- und Überzeugungsverhältnis zum Kollegium aufbauen. Sie müssen vernünftige Kooperationen schaffen, Teams aufbauen und diese auf gemeinsame Ziele verpflichten. Wichtig ist auch, einzelne Lehrer aus der Isolation heraus zu holen. Wer die neuen Erziehungsprobleme und die alten Unterrichtsprobleme allein zu lösen versucht, wird scheitern.

fs: Inwieweit sind Schulleiter auch als Gesundheitsmanager gefragt?

Rolff: Schulleiter haben ja als Dienstvorgesetzte eine Fürsorgepflicht. Caring nennen das die Amerikaner. Schulleiter müssen eine Kultur der gegenseitigen Hilfe etablieren und dafür sorgen, dass sich niemand überfordert. Also: Gesundheitsmanagement wird immer wichtiger. Gute und gesunde Schule gehören zusammen.

fs: Wie verändert sich das Verhältnis von Schulleitung und Kollegium in der eigenverantwortlichen Schule?

Rolff: Einerseits wird das Verhältnis hierarchischer, allein dadurch, dass Schulleiter Aufgaben und Funktionen eines Dienstvorgesetzten übernehmen. – Übrigens bin ich sehr gespannt, wie sich die Wiederwahl der Schulleiter durch die Schulkonferenzen auf das Handeln der Schulleiter auswirken wird. Aber das ist ja noch ein paar Jahre hin …

fs: Hat Hierarchie nicht schon immer zur Schule gehört?

Rolff: Im Prinzip schon. Sie wurde nur häufig durch den Mythos verdeckt, dass alle gleich wären. Das gilt insbesondere für die Grundschulen. Hier hatten viele die Vorstellung, Kollegium und Schulleitung wären eine große Familie. So kann Schule aber nicht selbstständig werden. Eigenverantwortliche Schulen brauchen Führung, pädagogische Führung. Andererseits müssen Schulleiter im System Schule mit den Lehrern nicht nur als Chef umgehen, sondern sie auch als Kollegen achten. In der eigenverantwortlichen Schule ist die Kooperation mit den Fachkonferenzen und Lehrerräten sehr wichtig. Sie müssen unbedingt an der Schulentwicklung beteiligt werden. Es gibt dafür das schöne Wort Co-Management. Also: Hierarchie und Kooperation gleichzeitig zu realisieren, das ist eine der großen Herausforderungen.

fs: Steckt darin nicht ein Widerspruch?

Rolff: Ein Widerspruch schon, aber kein antagonistischer. In der Pädagogik wimmelt es doch von Widersprüchen. So wie wir Fördern und Auslesen oder Nähe und Distanz in einen Zusammenhang bringen müssen, so müssen wir auch Hierarchie und Kooperation miteinander verbinden. In der Forschung sprechen wir von „konfluenter Leitung“. Konfluenz heißt verschiedene Strömungen zusammenführen.

fs: Wie kann denn ein Schulleiter Einfluss auf Unterrichtsentwicklung nehmen?

Rolff: Schulleiter können den Prozess der Unterrichtsentwicklung führen und steuern. Ich würde jedem Schulleiter empfehlen, mit einer Steuergruppe zu arbeiten, in der sie Probleme ansprechen und verschiedene Methoden diskutieren kann. Ganz wichtig dabei ist: Schwerpunkte setzen. Sie können nicht alles zur gleichen Zeit machen. Schulen müssen für sich klären: Was ist wichtig für uns und was machen wir intensiv? Um was kümmern wir uns in diesem Jahr und was machen wir erst später?

fs: Das heißt strategisches Management?

Rolff: Ja, genau. Wir wissen aus zahlreichen Untersuchungen und aus der schulischen Praxis, dass es sinnvoll ist, Prioritäten zu setzen. Dabei können sich Schulen beispielsweise an ihren Leitbildern orientieren und einen Satz daraus zum Jahresmotto erklären. So bringen Sie Kohärenz und Zielführung in die Schulen.

fs: Können Sie das an einem Beispiel konkretisieren?

Rolff: Nehmen Sie die Qualitätsentwicklung. Die Amerikaner haben ein Sprichwort: data rich, knowledge poor. Jede Menge Daten aber kaum Wissen, wie damit umzugehen ist. Hier sind Schulleiter besonders gefordert. Sie sollten zusammen mit der Steuergruppe eine Strategie erarbeiten, wie mit den Daten aus den Lernstandserhebungen an ihrer Schule umzugehen ist. Sie müssen auswählen und reduzieren. Welche Ergebnisse haben uns überrascht? Wo sind die Diskrepanzen zwischen Soll und Ist am größten? Wie lauten die drei wichtigsten Aussagen? Erst dann lassen sich Entwicklungsschritte ableiten. Gerade dazu brauchen wir die Schulleiter. Sie müssen Navigatoren oder Strategen werden. Viele sind es ja auch schon.
fs: Herr Rolff, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Jörg Harm.

Prof. Dr. Hans-Günter Rolff ist emeritierter Professor am Institut für Schulentwicklungsforschung an der Universität Dortmund. 2005 gründete er die Dortmunder Akademie für Pädagogische Führungskräfte (DAPF).

 

Weitere Informationen

Internet-Angebot des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS)
www.ifs.uni-dortmund.de

Dortmunder Akademie für Pädagogische Führungskräfte (DAPF)
www.zfw.uni-dortmund.de/dapf/zertifikatstudium.html

Informationen zu Prof. Dr. Hans-Günter Rolff (em.)
www.fb12.uni-dortmund.de/institute/ifs/index.php?module=Pagesetter&func=viewpub
&tid=4&pid=153

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