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Von Aktien bis Zukunftssicherung

Wie Wirtschaft in die Schule kommt

Die ökonomische Bildung wird an den Schulen in Nordrhein-Westfalen demnächst einen breiteren Raum einnehmen. In den Lehrplänen der Realschulen und Gymnasien soll das Thema mit einem verbindlichen Stundenanteil fest verankert werden, und in der gymnasialen Oberstufe kann bei der Profilbildung ein Schwerpunkt Ökonomie gesetzt werden. Ein eigenes Fach „Wirtschaft“ wird es aber nicht geben. Stattdessen rückt der fächerverbindende Unterricht in den Vordergrund.
Es ist 10 Uhr 30 am Samstagvormittag in Köln. 22 Schülerinnen und Schüler des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums sitzen im Fachraum für Sozialwissenschaften. Vor ihnen auf den Tischen liegen Handbücher der Betriebswirtschaftslehre und die Geschäftsberichte einer großen deutschen Aktiengesellschaft. An der Tafel stehen die beiden Sowi-Lehrer Harald Spiller und Bernd Schumacher und erklären den Nachwuchsökonomen, wie man einen Geschäftsbericht liest und welche Renditekennziffern dabei zu beachten sind. „Aufschlussreich ist vor allem der Anhang eines Geschäftsberichts mit den Erläuterungen zur Rechnungslegung“, sagt Bernd Schumacher, „den sollten Sie besonders intensiv studieren.“

Das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium ist eine von 44 Schulen, die in diesem Jahr bundesweit am Wirtschaftsprojekt „business@school“ teilnehmen. Bei diesem Wettbewerb müssen Oberstufenschülerinnen und -schüler die Wirtschaftsdaten eines börsennotierten Großunternehmens und einer kleinen mittelständischen Firma analysieren, bevor sie im dritten Teil des Wettbewerbs eine eigene Geschäftsidee inklusive Business-Plan entwickeln.

„Schülerinnen und Schüler bekommen hier einen Einblick in ökonomische Zusammenhänge, wie wir ihn im Sowi-Unterricht nicht vermitteln können“, betont Harald Spiller. Daniel Niggemann möchte nach der Schule Grafikdesigner werden. Für den Wettbewerb hat er sich entschieden, weil er sich für Sozialwissenschaften interessiert. „Außerdem glaube ich, dass ich mir hier Kenntnisse in BWL aneignen kann, die man heute immer braucht, egal wo man arbeitet.“ Sein Mitschüler Henning Esser sieht die Sache ähnlich pragmatisch: „Mittlerweile achten die Unternehmen mehr auf Praxiserfahrungen, und wenn man vorweisen kann, dass man an einem Wirtschaftswettbewerb teilgenommen hat, dann gibt das eher den Ausschlag als eine gute Zeugnisnote.“

In der vergangenen Wettbewerbsrunde hatte ein Schülerteam des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums mit „Clubwatch“, einem Internet-Angebot für Nachtschwärmer, den ersten Platz belegt. Die Geschäftsidee: Per „Webcam“ werden Bilder aus den Diskotheken und Nachtclubs live ins „World Wide Web“ eingespeist, so dass sich Partygänger jederzeit einen Überblick verschaffen können, welcher Club gerade angesagt ist. Im Moment wird an der Umsetzung der Idee gearbeitet – das jedoch ist nicht mehr Teil des Wettbewerbs. Denn anders als bei „Junior“ etwa, einem Wettbewerb des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, bei dem Schülerinnen und Schüler ein eigenes Miniunternehmen gründen, geht es bei „business@school“ lediglich darum, das Verständnis für Wirtschaftsfragen zu wecken und unternehmerisches Denken zu vermitteln.

Von der Fahrradwerkstatt bis zum Börsenverein


"Wirtschaftliches Handeln kann man nicht im luftleeren Raum erlernen", sagt Schulleiter Arnim Schneider

Positive Erfahrungen mit Projekten, die außerhalb des Unterrichts stattfinden, werden seit einigen Jahren auch in Neunkirchen im Siegener Land gemacht. „Wirtschaftliches Handeln kann man nicht im luftleeren Raum erlernen“, sagt Armin Schneider, Schulleiter der Realschule des Freien Grundes. Zehn verschiedene Schülerfirmen gibt es hier, von der Fahrradwerkstatt über den Tanzclub und „Paper-Shop“ bis hin zur Taverne, einem Gastronomiebetrieb, der alle vier Wochen ein Vier-Gänge-Menü anbietet. Es gibt die PC-Werkstatt „RSN Systems“ und seit kurzem sogar einen Börsenverein, der mit Aktien und anderen Wertpapieren an der Frankfurter Börse handelt.

„Unternehmerische Selbstständigkeit darf nicht nur theoretisiert, sondern muss auch praktisch erfahren werden“, betont Schulleiter Schneider. Ein Drittel der Schülerschaft ist in den Pausen oder nach Schulschluss in den verschiedenen Schülerfirmen tätig. Mitunter profitieren davon sogar die Nachbarschulen. Die PC-Werkstatt führt gegenwärtig Verhandlungen mit der örtlichen Grundschule, die erst kürzlich ans Internet angeschlossen wurde. Das Angebot von „RSN Systems“: Auf 630-Mark-Basis übernehmen die jungen Computer-Profis die Wartung der Rechner.


PC-Werkstatt
Finanziert werden die Schülerfirmen über den Verkauf von Anteilscheinen. Schülerinnen und Schüler, Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrer können Aktien im Wert von 10 Mark erwerben und damit zu Teilhabern einer fiktiven Aktiengesellschaft werden.



Gastronomiebetrieb

Am Ende eines Schul- bzw. Geschäftsjahres fließen die Gewinne dann alle in einen Topf und werden aufgeteilt. 50 Prozent verbleiben in den Firmen, um die laufenden Personal- und Betriebskosten zu decken. Die andere Hälfte geht an die Schule bzw. wird als Dividende an die Aktionäre ausgeschüttet.

Mehr als 7.500 Mark Gewinn dürfen Schülerfirmen im Laufe eines Jahres jedoch nicht erwirtschaften. Armin Schneider achtet darauf, dass diese Obergrenze auch nicht überschritten wird. Dennoch hat es auch schon mal Unstimmigkeiten mit der örtlichen Industrie- und Handelskammer gegeben, weil man die Schülerfirmen hier zunächst als Marktkonkurrenten gesehen hat. Mittlerweile konnten die Bedenken aber ausgeräumt werden. Heute schätzen es die Arbeitgeber, dass Schülerinnen und Schüler in einer Schülerfirma die von ihnen beständig eingeforderte Eigeninitiative, Verlässlichkeit und Verantwortungsbereitschaft einüben, gepaart mit einem Verständnis für unternehmerische Entscheidungen.

Die Vorteile von Wirtschaftswettbewerben und Schülerfirmen liegen auf der Hand. Werden im Unterricht ökonomische Themen durchgenommen, geht es meist um schwer verständliche ökonomische Theorien und Modelle. Außerhalb des Unterrichts können Schülerinnen und Schüler betriebliches Handeln erproben und direkt erfahren, welche Folgen es hat, wenn in der Taverne die Gäste ausbleiben oder im „Paper-Shop“ der Absatz zurückgeht.

Auf der anderen Seite müssen aber auch die Defizite gesehen werden. An den Wettbewerben und Schülerfirmen beteiligt sich meist nur eine Minderheit der Schülerschaft. Häufig handelt es sich dabei um Schülerinnen und Schüler, die sich gezielt auf ein BWL-Studium vorbereiten. Außerdem kommt – das betrifft vor allem die Arbeit in den Schülerfirmen – die kritische Reflexion des eigenen Handelns zu kurz. Wirtschaftswettbewerbe und Schülerfirmen sind sicher geeignet, Wirtschaftswissen im Sinne einer „Education for Enterprise“ zu transportieren. Ökonomische Bildung aber meint mehr als eine nur auf Gewinnmaximierung ausgerichtete betriebswirtschaftliche Handlungskompetenz. Auch die übergeordneten gesamtwirtschaftlichen Fragen nach der Funktionsweise des Marktsystems müssen thematisiert werden. Und nicht zuletzt müssen Schülerinnen und Schüler auch in die Lage versetzt werden, die hinter der ökonomischen Wirklichkeit stehenden Machtverhältnisse und Systemzusammenhänge zu erkennen. „Schule hat ja nicht den Auftrag, aus Schülerinnen und Schülern Unternehmer zu machen“, wie Harald Spiller sagt. Wenn es somit das Ziel einer ökonomischen Bildung ist, Jugendliche zu mündigen Wirtschaftsbürgern zu erziehen, dann muss sie im Unterricht stattfinden und alle Schülerinnen und Schüler erreichen.

Hier jedoch gibt es Nachholbedarf. An den Realschulen und Gymnasien führt die ökonomische Bildung ein Schattendasein im Wahlpflichtbereich der Jahrgangsstufen neun und zehn. Während an der Realschule das Fach Sozialwissenschaften mit einem Schwerpunkt Ökonomie unterrichtet wird, ist es am Gymnasium das Fach Politik, das in der Sekundarstufe I ebenfalls mit einem Schwerpunkt Wirtschaft angeboten wird. Damit wird in beiden Schulformen jedoch nur ein Teil der Schülerschaft erreicht.

Zwar sind in den Richtlinien und Lehrplänen für Erdkunde und Geschichte in der Sekundarstufe I auch ökonomische Fragestellungen ausgewiesen, wie ausführlich sich Schülerinnen und Schüler aber mit Themen wie Raumordnung oder Wirtschaftsgeschichte beschäftigen, entscheidet die Lehrkraft. Verbindlich festgelegte Stundenanteile gibt es nicht. Ähnlich sieht es in der Sekundarstufe II aus. Hier wird zwar das Fach Sozialwissenschaften mit den drei Teildisziplinen Politologie, Soziologie und Ökonomie unterrichtet, Themen und Inhalte sind jedoch auch hier nicht bis ins Detail vorgegeben.

Wo findet die ökonomische Bildung ihren Platz?

So war es wenig überraschend, dass Arbeitgeber und Gewerkschaften der Öffentlichkeit im August vergangenen Jahres ein gemeinsames Positionspapier zur ökonomischen Schulbildung vorstellten, in dem sie die Einführung eines eigenständigen Unterrichtsfaches „Wirtschaft“ an allen allgemein bildenden Schulen ab der fünften Klasse forderten. „Ein zentrales Handlungsfeld für die Persönlichkeitsentwicklung ist die Erwerbsarbeit“, heißt es in dem Papier. Ökonomische Bildung müsse deshalb ein unverzichtbarer Bestandteil der schulischen Allgemeinbildung sein.

Aufgrund des Umfangs und der Komplexität der Materie aber könne eine ökonomische Bildung adäquat nur in einem eigenen Fach „Wirtschaft“ vermittelt werden. Es sei bei weitem nicht ausreichend, wirtschaftliche Fragestellungen in Fächern wie Erdkunde, Geschichte und Sozialwissenschaften punktuell aufzugreifen. Die spezifischen Fragestellungen dieser Fächer ließen einen systematischen Kenntnisgewinn nicht zu.

Gut ein Jahr ist seit dieser Debatte um die Einführung eines eigenständigen Faches „Wirtschaft“ vergangen (sie wurde übrigens auch in forum schule geführt, siehe dazu die Ausgaben Mai und August 2000). Auch wenn Politiker und Wirtschaftsvertreter darin übereinstimmen, dass der ökonomischen Bildung an den Schulen mehr Platz eingeräumt werden müsse, so ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt absehbar, dass es an den nordrhein-westfälischen Realschulen und Gymnasien ein eigenes Fach „Wirtschaft“ nicht geben wird.

Ökonomische Bildung in der Sek I

Allerdings soll dem Thema Wirtschaft in bereits bestehenden Fächern mehr Raum gegeben werden. So ist geplant, die ökonomische Bildung in der Sekundarstufe I aus dem Wahlpflichtbereich in den Pflichtbereich zu überführen. Sie soll damit in Fächern unterrichtet werden, die für alle Schülerinnen und Schüler verbindlich sind. In Geschichte, Erdkunde und Politik soll ein bestimmter Stundenanteil für wirtschaftliche Themen reserviert werden. Gegenwärtig wird im Auftrag des Schulministeriums eine „Rahmenvorgabe für die Ökonomische Bildung in der Sekundarstufe I“ erarbeitet, die Anfang 2002 vorliegen soll.

Hierin wird festgelegt, wie in den verschiedenen Fächern der einzelnen Schulformen wirtschaftliche Sachverhalte akzentuiert werden. Dabei ist es das Ziel einer ökonomischen Bildung, Schülerinnen und Schüler in wirtschaftliche Denkweisen und Handlungsformen einzuführen und ihnen die Zusammenhänge zwischen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Subsystemen aufzuzeigen. Eine betriebs- oder volkswirtschaftliche Fachsystematik tritt in den Hintergrund zugunsten einer didaktischen Orientierung an den Handlungs- und Lebenssituationen der Schülerinnen und Schüler. Untersucht wird das Rollenverhalten im privaten Haushalt, auf der Ebene des Betriebs und im Bereich des gesellschaftlichen Wirtschaftssystems, um den Jugendlichen Sach-, Urteils-, Entscheidungs- und Handlungskompetenzen für verschiedene Lebenssituationen zu vermitteln.

Profil Wirtschaft in der Sek II

Die Gymnasien und Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen sind aufgerufen ihre Oberstufen bis zu Beginn des Schuljahres 2003/04 in so genannte Profiloberstufen überführen. Das kann in den Jahrgangsstufen 12 und 13 durch verschiedene Kurskopplungen erfolgen oder durch die Anbindung eines Kurses an verschiedene außerschulische Aktivitäten. Dabei ist auch eine Schwerpunktsetzung im Bereich Ökonomie möglich. Gegenwärtig werden dazu im Auftrag des Schulministeriums verschiedene Publikationen erarbeitet, auf die Lehrerinnen und Lehrer bei der Profilbildung zurückgreifen können. Es handelt sich u.a. um eine Handreichung für das Profil Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Wirtschaft, die 2002 erscheinen soll.

Ein Profil Wirtschaft bedeutet eine doppelte Schwerpunktsetzung. Zunächst muss im Fach Sozialwissenschaften selbst ein ökonomischer Akzent gesetzt werden, bevor die Verknüpfung mit anderen Fächern erfolgt. Es gibt den Vorschlag, den Anteil Ökonomie am Curriculum auf zwei Drittel zu erhöhen, während die beiden anderen Bezugsdisziplinen Politologie und Soziologie auf ein Drittel reduziert werden. Dies bedeutet nun nicht die Einführung eines neuen Faches, denn die geltenden Richtlinien und Lehrpläne bleiben im Kern unverändert bestehen.

Eine ökonomische Schwerpunktsetzung lässt sich etwa dadurch erzielen, dass in der Jahrgangsstufe 12.1 das eigentlich soziologische Inhaltsfeld „Gesellschaftsstrukturen und sozialer Wandel“ unter ökonomischen Fragestellungen bearbeitet wird. „Schließlich werden die sozialen Veränderungen ganz wesentlich mitbestimmt durch den Wandel in den Unternehmen“, wie Rolf Greßnich, einer der Autoren der Handreichung, hervorhebt.

Die gesamte Jahrgangsstufe 12.2 könnte dann für das Inhaltsfeld „Marktwirtschaft: Produktion, Konsum, Verteilung“ reserviert werden. Und beim Inhaltsfeld „Globale politische Strukturen und Prozesse“ bietet sich an, die internationalen Wirtschaftsbeziehungen und den Prozess der Globalisierung in den Vordergrund zu stellen.

Trotz dieser ökonomischen Schwerpunktsetzung soll das Fach Sozialwissenschaften als Integrationsfach erhalten bleiben. „Eine Ausweitung der Wirtschaftsanteile bedeutet nicht, dass wir eine Volkswirtschaftslehre oder Betriebswirtschaftslehre im Kleinformat einführen wollen“, betont die Direktorin des Gymnasium Theodorianum in Paderborn, Dorothea Frintrop-Bechthold. Auch ein Fach Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Wirtschaft wird seine didaktische Struktur nicht direkt aus den universitären Disziplinen beziehen. „Wir wollen keine Abbild-Didaktik“, ergänzt die Koautorin der Handreichung.

Vor dem Hintergrund eines beschleunigten Globalisierungsprozesses und eines weit verbreiteten Einsatzes moderner Informations- und Kommunikationstechnologien drängt sich für das Fach Sozialwissenschaften eine Kooperation mit den Fächern Englisch und Informatik auf.

Englisch und Ökonomie

Das Pestalozzi-Gymnasium in Herne, Montag, sechste Stunde. In der Jahrgangsstufe 12 unterrichtet Helmut Schütz einen Grundkurs Sozialwissenschaften. Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank ist heute Thema. Besprochen wird die Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken und die „minimum reserve policy“ der Europäischen Zentralbank, denn der Unterricht im bilingualen Zweig läuft auf Englisch. In Nordrhein-Westfalen gibt es nur wenige Pädagogen mit der Lehrbefähigung für Sowi und Englisch, Helmut Schütz ist einer von ihnen. „Raising the minimum reserve means decreasing the amount of money that banks can grant as loans“, schreibt er zur Sicherung der erarbeiteten Stundenergebnisse an die Tafel.

„Berücksichtigt man, dass die `Global Player´ unter den deutschen Unternehmen wie Siemens, BMW oder die Deutsche Bank Englisch als Sprache der Geschäftsleitung eingeführt haben, wird klar, dass gehobene, fachliche Englisch-Kompetenzen ein wichtiger Bestandteil nachgefragter Qualifikationen sind“, betont Helmut Schütz. Der Umgang mit Fachbegriffen wie „liability“, „demand deposit“ oder „T-account“ gehört im bilingualen Unterricht zum Alltag. Das erleichtert es den Schülerinnen und Schülern, sich später am internationalen fachwissenschaftlichen Diskurs zu beteiligen.

Bei der Kopplung des Faches Sozialwissenschaften mit dem Fach Englisch kann an die Erfahrungen im bilingualen Sowi-Unterricht angeknüpft werden, auch wenn erhebliche Unterschiede zu beachten sind. Denn anders als beim Fachunterricht in einer Fremdsprache geht es bei einer fächerverbindenden Profilbildung darum, ein Thema aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven zu bearbeiten. „Growing up in the adult world“, heißt z.B. ein häufig bearbeitetes Thema des Englischunterrichts. „Man könnte in diesem Zusammenhang das Konsumverhalten britischer Teenager untersuchen“, schlägt Helmut Schütz vor, „und damit einen Beitrag zum interkulturellen Lernen mit ökonomischer Akzentsetzung leisten.“

Eine Profilbildung geht allerdings über eine einfache punktuelle Verknüpfung der beiden Fächer hinaus. Helmut Schütz befürwortet dabei eine mehrfache „sequentielle Integration“, bei der in landeskundlichen Unterrichtseinheiten im Fach Englisch ökonomische Fragestellungen über einen längeren Zeitraum von mindestens sechs Wochen bearbeitet werden könnten. Dazu jedoch müssten Englischlehrkräfte zunächst auch auf wirtschaftliche Grundpositionen wie z.B. Liberalismus und Keynesianismus im englischsprachigen Kulturraum eingehen. Erst danach wären Schülerinnen und Schüler in der Lage, Kommentare aus dem Wirtschaftsteil einer englischen Zeitung zu interpretieren und verlässlich einzuordnen.

„Englischlehrer sind jedoch keine Ökonomen“, räumt Helmut Schütz ein, „die mit sicherem Gespür für fachlich relevante Verknüpfungen eine angemessene Materialauswahl treffen können." Letztendlich wird es somit auch zu einer Frage der Lehrerfortbildung, ob und inwieweit sich eine Kooperation zwischen den Fächern Englisch und Sozialwissenschaften erfolgreich etablieren wird.

Ein Fortbildungskonzept für eine ökonomische Bildung wird gegenwärtig im Landesinstitut für Schule und Weiterbildung erarbeitet. Adressaten der Fortbildung sind Lehrerinnen und Lehrer an den allgemein bildenden Schulen, die künftig vor der Aufgabe stehen, Wirtschaft – auch fachfremd – zu unterrichten. Die Weiterqualifizierung, die im August 2002 startet, wird zum Großteil als Online-Schulung angeboten – mit nur wenigen Präsenzveranstaltungen.

Informatik und Ökonomie

Das Michael-Ende-Gymnasium in Tönisvorst bei Krefeld. Donnerstag, 12 Uhr 30. Im Informatikkurs der Jahrgangsstufe 12 lotet Norbert Esper aus, welche Verknüpfungsmöglichkeiten zwischen den Fächern Sozialwissenschaften und Informatik bestehen. Auf dem Stundenplan steht die Fallstudie „Napster“, die vom Institut für Ökonomische Bildung der Universität Oldenburg entwickelt wurde.

Vor zwei Jahren versetzte der 19-jährige ehemalige Student Shawn Fanning die Musikindustrie weltweit in helle Aufregung, als er das Computerprogramm „Napster“ zum kostenlosen Download ins Netz stellte. Die Software, die den problemlosen Tausch von MP3-Musikdateien ermöglicht, entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit zum globalen Renner. Ende 2000 war die Fangemeinde auf weltweit 50 Millionen Nutzerinnen und Nutzer angewachsen, die untereinander nahezu zwei Milliarden Musikstücke tauschten. Es kam, was unausweichlich war: Die Musikindustrie ging gerichtlich gegen „Napster“ vor, um den kostenlosen Datentausch zu stoppen.



"Grundsätzlich sind Fallstudien wie 'Napster' ideal für einen fächerverbindenden Unterricht", sagt Informatiklehrer Norbert Esper; am Michael-Ende-Gymnasium in Tönisvorst wird ausgelotet welche Verknüpfungsmöglichkeiten es im Rahmen eines Oberstufenprofils Ökonomoie zwischen den Fächern Sozialwissenschaften und Informatik gibt
Sieben Doppelstunden umfasst die Unterrichts-
einheit, in der es um die ökonomischen Dimensionen des Falles „Napster“ ging. Wie haben moderne Informations- und Kommunikationstechnologien den globalen Wettbewerb verändert? Wie ist im Fall „Napster“ die Frage nach dem Schutz des Urheber-
rechts zu beantworten? Welche Folgen ergeben sich für die Musikbranche? Anhand dieser aktuellen Fallstudie aus dem Bereich des E-Commerce lassen sich wirtschaftliche Fragestel-
lungen, die gerade auch den gegenwärtigen Struktur-
wandel in Wirtschaft und Gesellschaft verdeutlichen, vortrefflich diskutieren.

„Am Beispiel `Napster´ können Schülerinnen und Schüler erkennen, welche wirtschaftlichen Ursachen und Folgen die Entwicklung bestimmter Computerprogramme haben kann“, sagt Norbert Esper. Außerdem werden Jugendliche dazu angeregt, ihr eigenes Rollenverhalten als Konsumenten von Musik zu reflektieren. Nach den ökonomischen Aspekten des Themas werden im Informatikunterricht dann die elektronischen durchgenommen. Die 20 Schülerinnen und Schüler programmieren jetzt die Software für eine eigene Internet-Tauschbörse für den Hausgebrauch.

Die Fallstudie „Napster“ muss kein Einzelbeispiel für die Einbeziehung ökonomischer Themen in den Informatikunterricht bleiben. Norbert Esper nennt weitere mögliche Anwendungen: Aus dem Bereich des Datenschutzes beim Geldverkehr etwa ließen sich zahlreiche Beispiele finden. Denkbar ist auch eine Unterrichtseinheit zum Thema elektronische Demokratie, die zum Ausgangspunkt von Programmieranwendungen in Informatik gemacht werden kann. Somit bieten sich auch im Themenbereich Staat und Gesellschaft Verknüpfungsmöglichkeiten. „Grundsätzlich sind Fallstudien wie `Napster´ ideal für einen fächerverbindenden Unterricht“, resümiert Norbert Esper.

Die Unterrichtseinheit „Napster“ ist Teil einer umfangreichen Materialsammlung, die seit Beginn des Schuljahres 2001/02 im Modellversuch „Praxiskontakte Wirtschaft – Wirtschaft in die Schule!“, kurz PRAWIS, eingesetzt wird. Im Rahmen dieses auf vier Jahre angelegten Pilotprojekts, das unter Federführung der Industrie- und Handelskammer Münster durchgeführt wird, erproben sechs Gymnasien im Fach Sozialwissenschaften ein ausgeweitetes Ökonomie-Curriculum, mit Anknüpfungsmöglichkeiten – so genannten Fenstern – für politologische und soziologische Themen. Dabei soll eine systematische Unterrichtseinbindung von Praxiskontakten zu Unternehmen aus der Region erfolgen. „Wir wollen keinen blinden Betriebstourismus, sondern gezielte Betriebserkundungen und Expertengespräche in enger Anbindung an den Unterrichtsstoff durchführen“, sagen Lisa Reis-Wedekind und Ulrich Höpke vom Clemens-Brentano-Gymnasium in Dülmen, eine der sechs Projektschulen. Die beiden Lehrkräfte für Sozialwissenschaften erläutern, wie so ein Praxiskontakt aussehen könnte: Geht es zum Beispiel beim Thema „Der Private Haushalt“ um Geldanlage, Vermögensbildung oder private Altersvorsorge, bieten sich Besuche bei Banken oder Versicherungsunternehmen an. Deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können dann aus ihrer Sicht erklären, wie die Geldwirtschaft funktioniert oder wie das System der sozialen Alterssicherung finanziert werden kann.

Lernpartnerschaften zwischen Schule und Betrieb

PRAWIS knüpft damit an Erfahrungen an, die mit so genannten Lernpartnerschaften vereinzelt bereits an anderen Schulen gemacht wurden. An der Gemeinschafts-Hauptschule Alpen bei Xanten wurde eine Lernpartnerschaft mit dem Landmaschinenhersteller Lemken vereinbart, dem größten Arbeitgeber vor Ort. Wenn in der 10. Klasse im Fach Arbeitslehre das Thema innerbetriebliche Mitbestimmung auf dem Stundenplan steht, wird regelmäßig der Betriebsrat der Firma Lemken eingeladen, berichtet Schulleiter Hans-Peter Becker. Die Schülerinnen und Schüler können den Experten dann direkt über die Aufgaben des Betriebsrats, die Rechte der Arbeitnehmer und die Pflichten der Arbeitgeber befragen. Die Vorteile dieser Praxisbegegnungen, die auch in anderen Fächern wie Technik oder Informatik stattfinden, liegen für Schulleiter Becker auf der Hand: „Mehr Aktualität, mehr Anwendungsbezogenheit, mehr Anschaulichkeit.“ Gleichzeitig steht die Lehrkraft bereit, um das Gelernte in einen größeren gesamtwirtschaftlichen Zusammenhang einzuordnen. So gesehen verbinden Lernpartnerschaften die positiven Lerneffekte von außerunterrichtlichen Projekten wie Wettbewerben oder Schülerfirmen mit den Vorzügen einer kritischen Bearbeitung des Themas Ökonomie im Unterricht.

Bei PRAWIS sind pro Schuljahr insgesamt vier Praxiskontakte geplant, die im Unterricht intensiv vorbereitet werden müssen. Das aber kostet Zeit, die an anderer Stelle vielleicht fehlt. Zweifellos ist es vor dem Hintergrund einer zunehmenden Ökonomisierung der Gesellschaft in vielen Lebensbereichen sinnvoll, dem Thema Wirtschaft auch in der gymnasialen Oberstufe mehr Platz einzuräumen. Doch wenn der integrative Charakter des Faches erhalten bleiben soll, dann muss auch ein Sowi-Unterricht mit einem Schwerpunkt Wirtschaft und zahlreichen Praxisbegegnungen genug Raum lassen für eine fundierte Auseinandersetzung mit politischen und soziologischen Fragestellungen. Letztlich sind die Schulen bei der Profilierung der gymnasialen Oberstufe aufgefordert selbst zu entscheiden, wie weit sie auf dem Weg zu mehr Wirtschaft in der Schule gehen wollen.

Jörg Harm



Weitere Informationen zum Modellprojekt PRAWIS finden Sie auf der Homepage des Instituts für Ökonomische Bildung der Universität Oldenburg. Hier finden Sie auch die Projektseiten von WIS! (Wirtschaft in die Schule!).

Unterrichtseinheiten, Methoden und Materialien für das Fach Sozialwissenschaften und ihre Didaktik finden Sie im Internet in "sowi-online". Die Internet-Zeitschrift "sowi-onlinejournal - Zeitschrift für Sozialwissenschaften und ihre Didaktik" bietet zahlreiche aktuelle Artikel zu jeweils einem sozialwissenschaftlichen Themenschwerpunkt. Sie können direkt herunter geladen, kommentiert und diskutiert werden. Die Ausgabe 1/2001 "Ökonomische und politische Bildung - (k)ein schwieriges Verhältnis?" beschäftigt sich mit der Klärung des Verhältnisses von politischer und ökonomischer Bildung sowie mit dem Problem, ob und wie man fachübergreifendes oder integratives Lernen im Feld ökonomisch-politischer Bildung konzipieren und realisieren kann. Zugespitzt geht es um die Frage: Ist ökonomisches Lernen ohne politisches und politisches ohne ökonomisches Lernen sinnvoll? Auch die Debatte um die Einführung eines eigenständigen Faches "Wirtschaft" aus dem Jahr 2000 können Sie in "sowi-online" nachlesen. Im "sowi-onlineforum" finden Sie dazu Fachbeiträge, Positionen und Memoranden der verschiedenen Interessengruppen, das gesamte Forum "Ökonomische und politische Bildung" steht ebenfalls zum freien Download bereit.

Einblicke in die und Begegnungen mit der Arbeits- und Wirtschaftswelt vermitteln die über 100 nordrhein-westfälischen "Arbeitskreise Schule/Wirtschaft". Diese regionalen informellen Gesprächsgruppen zwischen Vertretern der Schulen und der Wirtschaft sind schulformübergreifend oder schulformbezogen organisiert. Zusammengeschlossen sind sie im "Studienkreis Schule/Wirtschaft Nordrhein-Westfalen", der bereits Anfang der 60er Jahre gegründet wurde. Die Arbeitskreise organisieren Betriebserkundungen oder Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen zu wirtschafts-, gesellschafts- und sozialpolitischen Themen.

Auch zum Thema Berufswahlorientierung finden Sie Information im Internet. Hier finden Sie den Runderlass des NRW-Schulministeriums zur "Berufswahlorientierung in der Sekundarstufe I, in der gymnasialen Oberstufe und im Berufskolleg" vom 23. September 1999. Darin geregelt werden u.a. die Aufgaben der auf der Ebene der Kreise und kreisfreien Städte eingerichteten Beiräte Schule und Beruf, bei denen sich Lehrerinnen und Lehrer über die Entwicklung auf dem regionalen Ausbildungsmarkt informieren können. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten weisen die Beiräte auch auf freie Ausbildungsplätze und neue Berufe hin.

"Go!" heißt die Gründungsoffensive des Landes und der Wirtschaft NRW, die u.a. auch Schülerinnen und Schüler ermuntern will, den Sprung in die wirtschaftliche Selbstständigkeit zu wagen. Auf der "Go!"-Homepage finden Sie Ihre regionalen Ansprechpartner, und sie erhalten Informationen zu verschiedenen Förderprogrammen. Ein Veranstaltungskalender gibt einen Überblick über regionale Veranstaltungen und Gründerstammtische. "Go to school!" ist das Schulprojekt der Gründungs-Offensive, das einen Unternehmensgeist in die Schulen bringen will. Ein Infobus "GO to school!", der mit einem Multimediaprogramm über die "Neue Kultur der Selbständigkeit" informiert, fährt auf Anforderung an Schulen. Das Bus-Team erarbeitet mit Schülerinnen und Schülern Geschäftsideen und bringt einen Unternehmensgründer oder Gründungsberater live ins Klassenzimmer. Ein weiteres Angebot ist der "Medienkoffer Selbstständigkeit". Er enthält Praxishilfen zur Gestaltung von Unterrichtseinheiten zum Thema Selbstständigkeit: Arbeitsblätter und mit Leitfragen versehene Artikel aus den Printmedien stehen als Kopiervorlage zur Verfügung und können mit Hilfe von umfangreichen Basisinformationen bearbeitet werden.



Schülerfirmen - Tipps und Tricks

Wie sollte die Gründung einer Schülerfirma vorbereitet werden? Wie kann eine Schülerfirma rechtlich abgesichert werden? Praktische Informationen und nützliche Hinweise bietet die vom Landesinstitut für Schule und Weiterbildung herausgegebene Handreichung „Schülerfirma. Von der Idee zur Realisierung“ (Bönen 2000). Sie ist zu beziehen über den DruckVerlag Kettler, Postfach 1150, 59193 Bönen, Best.-Nr. 4185, 18,- DM inkl. CD-ROM.

 

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