Unternehmen für Schulen

Vier Jugendliche die köpfe zusammengesteckt, fotografiert von unten, so dass sie ein Kreuz vor dem blauen Himmel bilden

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Info kompakt

Titelbild der Wir-wollen-Broschüre Jugendliche mit einem Betreuer um einen Roboterkäfer unter einer starken Lampe

Die Broschüre zum Unternehmenspreis 2010
"Wir wollen:Partnerschaft. Berufswahl. Selbstständigkeit - Wirtschaft aktiv erleben."

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Partnerschaft des Monats Mai 2010

Unternehmer Dr. Michael Schulte-Strathaus mit Förderschülern

Wie man das Unmögliche möglich macht, zeigen Unternehmer aus Werl. Sie haben sich zu einem Verbundprojekt mit der Stadt Werl zusammengeschlossen, um einzelne Kinder aus der Sackgasse ihrer sprachlichen Mängel herauszuführen. Schon wenige Monate nach den ersten Förderstunden ist die Lust am Lernen bei den Schülerinnen und Schülern spürbar gestiegen.

„Ich hätte das nicht für möglich gehalten“, sagt Iris Bogdahn. Wie sehr sich die ansässigen Unternehmer für die Bildung benachteiligter Kinder und Jugendlicher einsetzen – und dafür nicht nur Geld, sondern auch Arbeitszeit opfern; dass auch die beteiligten Lehrerinnen und Lehrer die private Initiative trotz Mehrarbeit begeistert mittragen; dass der zusätzliche Förderunterricht von den insgesamt 220 Schülerinnen und Schülern der elf beteiligten Schulen so gut angenommen wird, all dies hat Bogdahn, Leiterin der Abteilung Jugend, Sport und Soziales der Stadt Werl dann doch überrascht.

Flächendeckende Förderung für Kinder mit Sprachmängeln

Doch das Unmögliche wurde möglich vor dem Hintergrund des demografischen Wandels. Denn die Stadt Werl braucht junge Familien, die kommen und bleiben. Und die Betriebe benötigen Nachwuchs, der des Deutschen mächtig ist. Angesichts leerer kommunaler Kassen und des Wettbewerbs zwischen den Kommunen hat die Stadt eine kommunale Zukunftsstrategie namens „Werl gewinnt die Zukunft – Syntegration 2010 plus“ erarbeitet. Den Anstoß haben der Bürgermeister der Stadt, Michael Grossmann und die Sparkasse Werl gemeinsam gegeben. Im Mai 2008 verständigten sich dann acht Unternehmer der Stadt auf ein bildungspolitisches Engagement.

Anspruchsvolles Ziel der Bildungsinitiative: ein flächendeckendes und nachhaltiges Sprachförderangebot an allen Werler Schulen für benachteiligte Kinder und insbesondere für Kinder mit Migrationshintergrund einzuführen. Um das zu verwirklichen, wurde im Herbst 2008 der Verein „Wirtschaft für Werl e.V.“ gegründet, in dem mittlerweile neun Unternehmen mittlerer Größe mit 20 bis 250 Beschäftigten beteiligt sind. „Sprache ist Voraussetzung für Kommunikation und Orientierung. Ohne Kommunikation und Orientierung gibt es keine Zukunft“, erklärt Unternehmer Dr. Michael Schulte-Strathaus. 

Die Unternehmer sprachen im Vorfeld mit Schulleitungen, feilten am Sprachförderkonzept mit, ließen Honorarlehrkräfte bei der Arbeiterwohlfahrt Hochsauerland/Soest schulen, pochten darauf, dass alle halbe Jahre Rechenschaftsberichte über die Verwendung der Fördergelder eingereicht würden. Die Eltern sollten Verträge abschließen und an den Kosten der Förderung partizipieren, so weit sie es sich leisten konnten. Die Förderung der Kinder von sechs bis zwölf Jahren sollte aus Einzelunterricht, Zweier- und höchstens Dreiergruppen bestehen und mindestens ein halbes Jahr lang andauern. Für all das stellten die Unternehmer finanzielle Mittel für die Dauer von vier Jahren zur Verfügung – insgesamt rund 200.000 Euro oder pro Schulhalbjahr 25.000 Euro.

Lust auf Schule statt Frust

Im Januar 2009 startete das Pilotprojekt mit zunächst zwei Schulen und insgesamt mehr als 60 Kindern. Schon die erste Befragung ergab, dass die Kinder ihre schulischen Leistungen in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik um bis zu zwei Schulnoten verbesserten. Das wirkte sich günstig auf die Motivation aller Beteiligten aus.

Von Anfang an als Pilotschule dabei war die Städtische Realschule Werl. „Wir hatten großes Interesse bei einem Projekt mitzumachen, bei dem Schülerinnen und Schüler gefördert werden, deren Eltern finanziell nicht so gut dastehen“, sagt der zweite Konrektor Roland Niemand. Integration benachteiligter Kinder sei schließlich Bestandteil des Schulprogramms. Aufgabe der Schule ist es, die Kinder auszusuchen, die für die Förderung in Frage kommen. Dazu erstellen die Lehrerinnen und Lehrer eine Eingangsbeurteilung, die Kriterien folgt, wie beispielsweise Hör-, Leseverstehen, Schreiben und Sprechen. Die Schule wählt zudem die Honorarkräfte nach pädagogischen Gesichtspunkten aus und bewertet den Erfolg des Förderunterrichts.

Förderverein in der Rolle des Arbeitgebers

Da die Schule juristisch nicht als Arbeitgeber auftreten kann, wickelt der Förderverein die Verträge mit den zehn Oberstufenschülerinnen und -schülern aus den Werler Gymnasien ab und bezahlt sie. Er beschafft auch erforderliche Lehrmittel. Die vom Förderverein angestellten jungen Hilfslehrer betreuen insgesamt 15 Realschülerinnen und -schüler. Diese sähen in ihren Lehrerinnen und Lehrern eine Art größeren Bruder oder größere Schwester, so der Konrektor. „Für die Oberstufenschüler ist das ein prima Lernfeld“, sagt Niemand. „Ich finde gut, dass dieses Projekt kein Strohfeuer ist, und kontinuierlich über Jahre läuft.“

Als Iris Bogdahn auch den Leiter der Petri-Grundschule in Werl, Burkard Feldmann, über die Sprachförderungsangebot informierte, sah dieser „auch keine Alternative als Ja zu sagen“. Nach einem Gespräch mit den Klassenlehrerinnen und -lehrern sollten insgesamt 20 Kinder in den Deutschunterricht – aus jeder Klasse etwa zwei bis drei, stets am Vormittag. Für Feldmann war es wichtig, dass der Erfolg der Förderung nicht nur an der Verbesserung der deutschen Sprache gemessen werden sollte, sondern auch an der Lernmotivation der geförderten Mädchen und Jungen.

Ein vom Verein "Wirtschaft für Werl e.V." gesponserter Förderkurs

Bei einer der Deutschstunden kam beispielsweise ans Licht, dass ein türkischer Junge naturwissenschaftliches Talent hat: der Junge weiß unglaublich viel über Astronomie. „Die Lust auf Schule hat sich total verändert“, erklärt Bogdahn, und fährt fort: „Wir sind gar nicht auf die Idee gekommen, wie sehr die Kinder und Jugendlichen die Exklusivität des Förderunterrichts genießen würden.“ Offenbar sei die sprachliche Entwicklung eng an die soziale gekoppelt. „Ich finde das Engagement der Firmen gut, weil es nicht direkt eigennützig ist“, sagt Grundschulleiter Feldmann, der sich wünscht, es möge über die vier Jahre hinausgehen.

Schule-Wirtschaft-Partnerschaften werden wichtiger

Geradezu segensreich wirkt sich die Bildungsinitiative auch auf die Friedrich Fröbel Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen aus. Der Förderverein der Schule hat zwei ausgebildete Erzieherinnen als Honorarkräfte angeworben, weil die Ansprüche der Förderschule an die methodisch-didaktischen Fähigkeiten bei ihren 12 Schülerinnen und Schüler naturgemäß höher seien, erläutert die Schulleiterin der Förderschule, Cornelia Krois. Die Kinder könnten es jeweils kaum erwarten, bis die Privatlehrer endlich kommen. Was die Schulleiterin verwundert, ist die Tatsache, dass die Kinder „hinterher immer ganz entspannt“ aus dem Förderunterricht kämen − obwohl ihnen die intensive Einzelförderung Einiges abverlangt. Die erste Beurteilung hat Zuwächse etwa beim sinnentnehmenden Lesen festgestellt. „Wir haben selbst keine Möglichkeiten, einzelne Kinder sprachlich so gezielt zu unterstützen“, erklärt Krois.

Kein Wunder, dass der Stellenwert des Verbundprojekts für die Stadt Werl von Schuljahr zu Schuljahr steigt, so Bürgermeister Grossmann. Für ihn ist die privat finanzierte Sprachförderung benachteiligter Kinder inzwischen ein wichtiger Baustein für die Gestaltung der Zukunft.

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