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Blick aus der Fachwelt

Interview mit Silke Niemann zur Bedeutung mediengestützter Berufsorientierungsangebote

Gibt es Berufsorientierungsangebote bald nur noch online?
Und wie sollten mediengestützte Berufsorientierungsangebote gestaltet sein, um in der pädagogischen Arbeit optimal genutzt werden zu können?

Zu diesen Fragen haben wir mit Silke Niemann, selbst Projektleiterin eines Online-Berufsorientierungsangebots, ein Interview geführt.

 

Silke Niemann ist Projektleiterin von „beroobi“, einem interaktiven Jugendportal zur Berufswahl. Beroobi ist ein Projekt von Schulen ans Netz und wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert.
Das Projekt wurde ausgezeichnet mit der Comenius-EduMedia-Medaille und dem Comenius-EduMedia-Siegel 2010 und ist außerdem Preisträger beim Grimme Online Award 2010.

 

StuBO-Portal: Frau Niemann, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihren mehrfachen Auszeichnungen!
Herzlichen Dank!

 

Was verbirgt sich denn hinter dem Projekt „beroobi“?
beroobi ist ein Online-Portal von Schulen ans Netz e.V., das über einen sehr interaktiven-spielerischen Ansatz Berufe vorstellt und sich dabei direkt an Jugendliche wendet. Dabei werden vor allem Berufe mit Zukunft in den Blick genommen, die Jugendlichen oft wenig bekannt oder nach wie vor mit vielen Vorurteilen behaftet sind. Es geht darum, die Aufmerksamkeit auf interessante Perspektiven jenseits der üblichen Top Ten zu legen.
Beroobi ist bewusst spielerisch und interaktiv aufgebaut, und bietet die Fachinformationen über einen Mix aus Schrift, Videos, Bilder und Audioelementen an. Im Mittelpunkt jedes Berufs stehen junge Profis aus der Praxis, die ihren Beruf aus unterschiedlichen Blickwinkeln darstellen und reale Arbeitswelten sehr realistisch und anschaulich vermitteln. Das Internet bietet hierfür mittlerweile tolle Möglichkeiten, diese Orientierungsprozesse medial zu unterstützen.


StuBO-Portal: Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere und Innovative an beroobi?

beroobi ist insofern anders, weil es das Thema Berufe/Berufswahl konsequent an den Bedürfnissen und Wissensständen der Jugendlichen ausrichtet. Sei es das Design, verschiedene Multimediaelemente, kleine Spiele, Wissenstests, interaktive Features. Es geht darum, Jugendlichen, anstatt passivem „Konsumieren", aktiv und ihrem Bedürfnis und Interesse entsprechend ein Angebot zu bieten, bei dem sie selbstbestimmt auswählen, was sie wissen wollen, sich quasi auf eigenen Wegen den Berufen nähern können. Und es soll vor allem Spaß machen, Neugierde wecken, die Aufmerksamkeit für das Thema Berufswahl stärken.
Es gibt wenig Angebote, die das bisher so konsequent anbieten. Bei Lehrkräften und pädagogisch Tätigen stoßen wir damit auf großes Interesse, da dieses Konzept einen leichten Einstieg in das doch sehr komplexe Thema Berufsorientierung ermöglicht, bei der jungen Zielgruppe noch dazu gut ankommt und nicht direkt auf Ablehnung stößt.

 

StuBO-Portal: Die vorgestellten Berufe auf beroobi werden nach besonderen Kriterien ausgewählt – was steckt dahinter?

Schaut man sich an, welche Berufe Jugendliche heute kennen und auch als mögliche Perspektive für sich formulieren, so beschränkt sich die Auswahl nach wie vor auf die typischen Top 20. Viele Berufe sind darüber hinaus wenig oder gar nicht bekannt und oft mit sehr falschen Vorstellungen und Vorurteilen belegt.
Beroobi konzentriert sich darauf, interessante Alternativen aufzuzeigen. Vor allem in Branchen und Bereichen, die auch in Zukunft gute Ausbildungs- und Beschäftigungschancen bieten werden. Dazu gehören das Handwerk, Bau, Gesundheit und Soziales, IT und Naturwissenschaften. Nichtsdestotrotz werden aber auch Berufe mit einbezogen, die bekannt sind, aber oft falsch eingeschätzt werden. Ein besonderes Augenmerk liegt außerdem auf Berufen, die auch für Hauptschüler und -schülerinnen adäquate Ausbildungsmöglichkeiten bieten.
Bei beroobi geht es vor allem darum, das mediendidaktische Konzept zu erproben, es wird sehr darauf geachtet, alle wichtigen Berufswelten exemplarisch einzubeziehen, so ist für jeden etwas dabei.


StuBO-Portal: Wie können Lehrkräfte, die an ihren Schulen Aufgaben im Bereich der Berufs- und Studienorientierung wahrnehmen, beroobi im Unterricht konkret nutzen?


Beroobi ist ein Projekt von Schulen ans Netz und wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert. Es kann daher bundesweit kostenfrei genutzt werden.
Für den Einstieg in das Thema Berufe ist die www.beroobi.de-Startseite eigentlich ideal. Dort gibt es verschiedene Zugänge in die Berufsbilder. Konkrete Berufe-Übersichten für diejenigen, die schon genau wissen, nach was sie suchen – bis hin zu spielerischen Modulen wie den „Beruf-O-Mat“, der nach bestimmten Filtern eine Typ- und Interessen ausgerichtete Auswahl ausspielt, oder das „Beruferad“, das einem per Zufall einen Beruf vorschlägt. Es geht dabei vor allem darum, zu motivieren, die Jugendlichen ins Thema rein zu ziehen, Neugierde zu wecken.
Die Berufsbilder bieten vielseitige Möglichkeiten, Themen wie „Beruf/Berufswelt“, „Selbsteinschätzung/Fremdeinschätzung“, „Praktikumsvorbereitung“ etc. aufzugreifen.
Auf beroobi.de gibt es dazu verschiedene Materialien für die pädagogische Arbeit, darunter auch eine Online-Berufe-Ralley. Darüber hinaus können über uns die „beroobi-Berufekarten“ bestellt werden. Auf ihnen sind direkte Links in die Berufsbilder vermerkt, so dass der Einstieg in das Angebot auch über einen offline-Impuls prima gelingt.


StuBO-Portal: Welchen Mehrwert hat die mediengestützte Berufsorientierung für die Schulpraxis Ihrer Meinung nach?


Die digitalen Medien bietet vielfache Möglichkeiten, Jugendliche an das Thema Berufsorientierung heranzuführen und können daher auch gut für Lernkontexte genutzt werden. Gerade PC und Handy sind mittlerweile fester Bestandteil ihrer eigenen Lebenswelten, Computerspiele, social communities, Fanseiten - sie sind attraktiv und bekannt, Jugendliche haben daher wenig Berührungsängste.
Inhaltlich ist gerade im Internet der Bereich der Berufsorientierung vielschichtig vertreten, so dass es an Angeboten und Content nicht mangelt. Einen Mehrwert bieten vor allem Angebote, die attraktiv gemacht, also unterhaltsam, vielseitig und zielgruppenspezifisch ausgerichtet sind. Es gibt außerdem verschiedene Communities und Plattformen, Angebote mit Praktikums- und Ausbildungsbörsen, Blogs und berufsspezifische Filmportale. Hierzu geben wir auf beroobi.de übrigends speziell für Pädagogen/Pädagoginnen Online-Empfehlungen und Orientierungshilfen.
Wichtig dabei ist vor allem, dass solche Angebote stets in didaktische Zusammenhänge eingebetet und auch reflektiert werden. Digitale Medien können Motivation aufbauen, Kontakt- und Kommunikationswege eröffnen und nicht selten auch durch qualitativ hochwertige Angebote Themen lebendiger und unterhaltsamer vermitteln.
Als Kompetenzzentrum für Medien und Bildung bietet Schulen ans Netz e.V. speziell hierfür weitere interessante Projekte, Online-Angebote und innovative Konzepte.


StuBO-Portal: Welche Rolle haben Lehrkräfte bei der Nutzung mediengestützter Berufsorientierungs-Angebote im Unterricht?


Ganz klar: eine andere Rolle, als die, die der Frontalunterricht verlangt. Wenn die Arbeitsaufträge am PC oder Notebook vergeben sind, ist es wichtig, dass der Pädagoge bzw. die Pädagogin in eine Berater, bzw. Moderatorenrolle wechselt. Sich selbst zurücknehmen und die Jugendlichen mit ihrem Knowhow, ihren Interessen, ihren Kompetenzen individuell zum Zuge kommen lassen. Selbstgesteuerte Lernprozesse ist das Stichwort. Es geht um Begleiten, Hilfestellung geben, Erfolgserlebnisse wahrnehmen, Kompetenzen fördern, Reflexionsprozesse anstoßen und auch die Aufgabe wahrzunehmen, die erworbenen Kenntnisse mit der realen Welt zu verknüpfen.
Man kann sich auch ruhig mal selber einen guten Rat geben lassen. Vielen Lehrkräften fällt das gar nicht so leicht und sicher spielt dabei auch die eigene Medienkompetenz eine entscheidende Rolle.


StuBO-Portal: Was denken Sie: Gibt es Informations-, und Beratungsangebote in der Berufsorientierung zukünftig nur noch „online“?


Nein, sicher nicht. Als Teil der Berufsorientierung sind mediengestützte Angebote nicht mehr wegzudenken. Sie können sehr gut unterstützen, motivieren, Aspekte lebendiger vermitteln, Fachinformationen bereitstellen. Berufsorientierung ist nichtsdestotrotz ein sehr persönlicher und individueller Prozess, der an vielen Stellen nur über Menschen, ihre gegenseitige Einschätzung, ihre Vorstellungen, ihre Möglichkeiten laufen kann. Kein Internetangebot kann einem Jugendlichen wirklich sagen, welcher Beruf zu ihm passt. Es kann Ideen geben, Impulse, den Blickwinkel weiten, Informationen vermitteln, Neugierde wecken, sagen, wo es Ausbildungsstellen gibt. Den Transfer auf die eigene Persönlichkeit – das kann nur das reale Umfeld leisten, Familie, Freunde, Berufsberatung und auch Pädagogen.


StuBO-Portal: Frau Niemann, wir danken Ihnen für dieses sehr informative und interessante Gespräch und wünschen Ihnen für das Projekt beroobi weiterhin viel Erfolg!


Weiterführende Links:

Beroobi-Portal: www.beroobi.de
Schulen ans Netz e.V.: www.schulen-ans-netz.de

Weitere empfehlenswerte Berufsorientierungsangebote im Internet finden Sie hier auf dem StuBO-Portal im Bereich Mediengestützte Berufsorientierung.