Auf den ersten Blick scheint Schule ein Arbeitsplatz
wie jeder andere zu sein. Mitarbeiter (Pädagogen),
Chef (Schulleiter) und Kunden (Schüler,
auch Eltern). Auf den zweiten Blick sieht das
schon ein bisschen anders aus. Druck von außen,
schwierige Schülerinnen und Schüler, fehlende
Bestätigung, Konkurrenzdenken und Kompetenzgerangel
– die Faktoren sind vielfältig, die zu Konflikten im Lehrerzimmer führen können. Kollegen,
die nicht gut aufeinander zu sprechen sind,
behindern gemeinsame Projektwochen, die "ewigen
Meckerer" sträuben sich gegen jede Neuerung,
auf Lehrerkonferenzen wird genörgelt, statt ergebnisorientiert
zu diskutieren. Nicht selten werden
aus Konflikten im Kollegium handfester Zoff oder
sogar Kleinkrieg und Mobbing. Die Folgen sind
nicht nur ein schlechtes Klima – das
übrigens auch die Schülerinnen und
Schüler schnell mitbekommen –, sondern,
noch gravierender, gesundheitliche
Konsequenzen für einzelne Lehrer,
die von häufigem krankheitsbedingtem
Ausfall bis hin zum Burnout
und damit verbundener Frühpensionierung
reichen.
Um Konflikte zwischen Menschen konstruktiv zu schlichten, ist es immer nötig, die Ursachen für die Probleme wahrzunehmen. Das ist in der Schule nicht anders als in anderen Unternehmen und Organisationen auch. Schule zeichnet sich "konfliktmäßig" durch zwei Hauptproblemfelder aus: mangelnde Kommunikation und unklare Regeln.
Kommunikation mangelhaft – zu diesem Ergebnis kam Psychologie-Professor Uwe Schaarschmidt in seiner Potsdamer Lehrerstudie (siehe linke Spalte) vielfach, wenn es um die Untersuchung von Konfliktgründen an Schule ging: "Im Unterschied zu manch anderem Beruf besteht in der Schule eigentlich ein günstiges Potenzial für Konfliktlösungen, denn schließlich gehört zur Lehrerprofession die Gestaltung sozialer Beziehungen. Und die kommunikativen Kompetenzen, die in der Lehrer-Schüler-Beziehung erworben werden, sollten auch auf die Beziehungen im Kollegium übertragbar sein." Trotzdem wird häufig zu wenig miteinander gesprochen. Etliche Lehrer arbeiten immer noch wie Einzelkämpfer. Flüchtige Pausenbegegnungen – fast immer unter Zeitdruck – sind nicht geeignet, eine Kommunikation untereinander zu pflegen, die die Beziehungen fördert. Schaarschmidt sieht deshalb einen Ansatzpunkt zur Vorbeugung von Konflikten darin, einen schulischen Alltag zu fördern, der mehr räumliche und zeitliche Möglichkeiten für Kommunikation und Kooperation im Kollegium gewährleistet.


Dirk Baasch, Konflikttrainer und Leiter des Beratungsunternehmens diba-Institut für Gewaltprävention, sieht die ersten Gründe für spätere Konflikte schon vor dem Eintritt des Lehrers in die Schule: "In vielen Unternehmen gibt es Assessment- Center bei der Einstellung, in denen nicht nur fachliche Fähigkeiten, sondern auch soziale Kompetenzen, zum Beispiel Durchsetzungsvermögen, bewertet werden. Das ist bei Lehrern bislang nicht der Fall. Sie kommen aus der Schule, studieren an der Uni und gehen wieder in die Schule. Im Studium ist die Förderung sozialer Kompetenzen, wie Emotions-, Konflikt- und Krisenmanagement, bisher nicht oder kaum vorhanden. Auch später ist in der alltäglichen Arbeit die Möglichkeit zur gemeinsamen Problemaufarbeitung in Form einer Supervision bisher nur an wenigen Schulen selbstverständlich. Und jemand, der Schwächen in seiner Persönlichkeit aufweist, ist mitunter der Erste, der nicht nur Probleme mit seinen Schülern, sondern auch Konflikte mit sich selbst und seinen Kollegen bekommen könnte." Baasch ist sich sicher, dass eine gezielte und praxisnahe Vorbereitung auf den Umgang mit schwierigen Situationen sowie auf eine für den schulischen Alltag förderliche Teamfindung und -entwicklung mit dem gesamten Kollegium hilfreich wäre.
Mobbing ist eine mögliche Folge von eskalierenden Konflikten. Mobbing unter Lehrern heißt: Eine Lehrerin oder ein Lehrer leidet wiederholt und über einen längeren Zeitraum unter den destruktiven oder schädlichen Handlungen oder Kommunikationsformen einer oder mehrerer Kollegen und kann dies von sich aus nicht ändern.*
Dem "Mobbing-Report" zufolge, einer als Standardwerk geltenden repräsentativen Studie quer durch alle Berufsgruppen in Deutschland von 2002, ist das Risiko, Opfer von Mobbing-Attacken zu werden, in der Lehrerschaft durchschnittlich hoch – jeder 20. Berufsangehörige ist danach alljährlich betroffen. Zum Vergleich: Angehörige von sozialen Berufen wie Sozialpädagogen und Erzieher haben ein höheres Mobbingrisiko – dort wird jeder 7. alljährlich drangsaliert. Weit unterdurchschnittlich ist das Risiko dagegen in Reinigungsund Entsorgungsberufen. Unter Gebäudereinigern und Stadtentsorgern ist es nur jeder 40., der Schikanen von Kollegen und/oder Vorgesetzten erleben muss. Dass gemobbt wird, ist also keine Frage des Bildungshintergrunds. Wohl aber, wie gemobbt wird: Während unter Arbeitern Hänseleien und Sticheleien sowie das Verbreiten von Gerüchten und Unwahrheiten im Vordergrund stehen, ist es laut "Mobbing-Report" eine "‚beamtentypische' Besonderheit des Mobbing, den Betroffenen wichtige Informationen, die sie zur Ausübung ihrer Arbeit benötigen, zu verweigern."
Wenn Kollegen sich untereinander mobben, ist das immer ein Hinweis darauf, dass sich das Kollegium insgesamt mit dem Binnenklima und der Grundsatzfrage "Wie gehen wir miteinander um?" beschäftigen muss. Prof. Schaarschmidt: "Kommt Mobbing vor, ist es an der Zeit, dass sich mehrere Kollegen zusammentun, eine Supervision oder Ähnliches veranlassen oder auch ein Konfl iktlösungsprogramm wie ‚Denkanstöße' (siehe Infospalte Seite 12, die Red.) absolvieren. Wenn der Dienstvorgesetzte dafür nicht der geeignete Ansprechpartner ist, gibt es auch die Personalvertretung. Wir haben schon des Öfteren erlebt, dass auf Veranlassung der Personalvertretung eine solche Initiative ausgelöst wurde."
Werden solche Maßnahmen nicht ergriffen, kann es bei Betroffenen zu schweren gesundheitlichen Folgen kommen. Detlef Beck vom Kölner Konfliktberatungsunternehmen Fairaend: "Wir beobachten auf der individuellen Ebene insbesondere psychosomatische Beschwerden, Persönlichkeitsveränderungen, Herz-Kreislauf- Erkrankungen, Konzentrations-, Schlaf- und Gedächtnisstörungen, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch, Angst- und Panikzustände, Depressionen und – im schlimmsten Fall – Suizid." Institutionelle Folgen für die Schule sind häufig krankheitsbedingte Fehlzeiten, Versetzungen, Vertretungen und damit einhergehend zunehmende Probleme im Kollegium.
Der Arbeitspsychologe Prof. Heinz Leymann hat die dabei denkbaren Attacken kategorisiert. Drei Arten davon sind im Lehrerberuf praktikabel, nämlich Angriffe…
… auf die Möglichkeit, sich mitzuteilen, zum Beispiel Kontaktverweigerung durch Gesten oder wiederholtes Unterbrechen von Wortbeiträgen bei Besprechungen.
… auf die sozialen Beziehungen, zum Beispiel durch Behandlung der Betroffenen "wie Luft".
… auf das soziale Ansehen, zum Beispiel das Verbreiten von Gerüchten oder die falsche und kränkende B * vgl. Mobbing-Report, Seite 18ff eurteilung des Arbeitseinsatzes.
Mobbing im Lehrerzimmer, so die Erfahrung von Konfliktberater Beck, betrifft hauptsächlich die Bereiche Wertschätzung und Kommunikation. Dazu gehören die Missachtung von Leistungen, das Herabmindern von Qualifikationen, Respektlosigkeit, verbale Überschreitungen der persönlichen Grenzen, bewusste Streuung von Unwahrheiten oder Vorenthalten wichtiger Informationen. Strukturen und Situationen, die Mobbing unter Lehrern fördern, sind fehlende Offenheit im Kollegium, Konkurrenzsituationen in Bezug auf zu besetzende Planstellen, Neid auf Privilegien, Verlustängste, unprofessionelle Umgangsweise miteinander, fehlende Empathie und fehlender Raum, eigene Schwächen anzusprechen, sowie fehlende Führungskompetenzen der Vorgesetzten.
Mitunter sind es allerdings die Schulleitungen selbst, die aus dem Kollegium heraus unter Druck geraten. Barbara Kleist, Lehrerin und engagiert in der "Bundesarbeitsgemeinschaft Lehrer gegen Mobbing", berichtet: "Einige Kollegen empfinden Unterrichtsbesuche und Vergleichsarbeiten als Kontrolle. Die Schulleitung erscheint ihnen dann als der Kontrolleur, der in die Sphäre des Unterrichts eingreift, die bislang eher als ‚Privatsache' betrachtet wurde." Auch bei Reformen, die für Verunsicherungen sorgen, wird die Schulleitung, die die Anforderungen kommunizieren muss, mit Gefühlen der Verunsicherung und Überforderung identifiziert. "Schulleitungen werden durch solche Projektionen als das Problem personifiziert", so Kleist, "und ihnen wird so die Verantwortung für das eigene schlechte Gefühl zugeschoben. Der Blick auf den Menschen verändert sich so, dass plötzlich auf die kleinen Fehler und Makel geschaut und nach Fehlverhalten gesucht wird."
Was kann ein Schulleiter tun, um Mobbing im Kollegium zu stoppen? Klärende Gespräche mit jedem Einzelnen und Unterstützung von Behörden- oder Personalratsvertretern sind in einem solchen Fall nötig, um der Sache ein Ende zu bereiten. "Vorbeugend", sagt Barbara Kleist, "sollte jeder Schulleiter stets in direkter Kommunikation mit dem Kollegium stehen und ein regelmäßiges Führungsfeedback durchführen." So kommen schon kleine Kritikpunkte schnell auf den Tisch und man kann mit allen gemeinsam nach Lösungen suchen. Das fördert ein Klima des Vertrauens und der Offenheit, in dem Mobbing viel schwerer möglich ist.
Es muss nicht immer Mobbing sein. Auch "einfacher Ärger mit dem Chef " führt mitunter zu Konflikten im pädagogischen Team. Teamberater Baasch: "Die Haltung der Schulleitung ist ganz entscheidend. Wichtig ist ein kooperativer Führungsstil und die Fähigkeit, klar, berechenbar, offen und ehrlich gegenüber den Kollegen zu kommunizieren. Häufig führen unklar definierte Zuständigkeiten oder fehlende Absprachen und Regeln zu schwierigen zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen. Wichtig ist auch eine Kultur des respektvollen Umgangs miteinander, der Toleranz und gegenseitigen Wertschätzung." Auch Schulforscher Prof. Schaarschmidt misst der Schulleitung große Bedeutung mit Blick auf das Konfliktpotenzial im Kollegium zu: "Wenn der Führungsstil der Leitung als kooperativ und unterstützend wahrgenommen wird, finden wir in der Regel auch intakte zwischenmenschliche Beziehungen im Kollegium vor." Wie stark das Miteinander im Kollegium auf die einzelne Lehrkraft wirkt, dies belegt die Potsdamer Lehrerstudie. Schaarschmidt: "Wir haben zum Teil erhebliche Unterschiede im Belastungserleben zwischen Lehrerkollegien verschiedener Schulen, auch der gleichen Schulform und am gleichen Ort, finden können. Der entscheidende Faktor dafür war immer das soziale Klima an der konkreten Schule. Wenn die Beziehungen im Kollegium durch Offenheit, Interesse füreinander und gegenseitige Unterstützung gekennzeichnet waren, fanden wir regelmäßig auch die günstigeren Belastungsverhältnisse vor – und umgekehrt." Das Erleben sozialer Unterstützung ist ein wesentlicher Faktor zur Prävention von Konflikten. Es beugt dem Gefühl vor, allein auf verlorenem Posten zu stehen – denn das ist es, was Lehrerinnen und Lehrern besonders zu schaffen macht.
* vgl. Mobbing-Report, Seite 18ff
MARTINA PETERS

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