Titel

21. Dezember 2011 - 4/2011

Stärken statt Strafen

Der Erziehungswissenschaftler PROFESSOR WALTER SPIESS plädiert dafür, auf Strafen komplett zu verzichten. Lehrer könnten es schaffen, Schülern Respekt und Disziplin beizubringen, ohne sie zu Sündenböcken zu machen.

Forum Schule: Auf dem Schulhof rempelt ein Unterstufenschüler einen älteren Schüler an. Trotz Entschuldigung des Jüngeren fühlt sich der Ältere so provoziert, dass er ihn nach der Schule verprügelt. Wie geht man damit um, ohne Strafen zu verhängen?

Walter Spiess: Ich gehe davon aus, dass der gewaltbereite Schüler zwei Dinge zu lernen hat: Erstens emotional nicht so heftig zu reagieren. Und zum anderen, seine Konflikte anders als physisch auszutragen. Körperliche Auseinandersetzungen im Kindes- und Jugendalter hat es immer gegeben – sie gehören zur Sozialisation, insbesondere von Jungen. Eine Fohlenweide ohne Fohlen, die nicht ab und zu ihre Kräfte messen, ist schwer vorstellbar. Mit zunehmendem Alter werden Auseinandersetzungen aber stärker verbal ausgetragen.

Forum Schule: Haben Eltern und Lehrer versäumt, dem Jungen etwas Wichtiges beizubringen? Spiess: Es ist nach einem solchen Ereignis wenig zielführend, herausfinden zu wollen, wer schuld ist. Erst muss es darum gehen, dem Jungen zu helfen, damit er künftig, wenn er geschubst wird, Entschuldigungen annehmen kann und mit seinen Aggressionen anders umzugehen lernt.

Forum Schule: Wie würden Sie in diesem Fall vorgehen?

Spiess: Ich würde eine "unparteiische" Person beauftragen, ein Gespräch mit dem Jungen zu führen. Er oder sie leitet das Gespräch in etwa so ein: Wenn du Streit mit deinen Mitschülern hast, möchtest du dann überhaupt in dieser Schule bleiben? Bejaht der Schüler die Frage, dann soll er seine Mitmenschen davon überzeugen, dass von ihm künftig keine Gefahr mehr ausgeht. Zugute halten würde der Pädagoge ihm, dass er in der tätlichen Auseinandersetzung nicht bis zum Äußersten gegangen ist und ihn fragen: Wie hast du es geschafft, dich so weit zu kontrollieren, dass es nicht noch schlimmer geworden ist? Damit würde man ihm signalisieren, dass sein Verhalten in seiner Verantwortung liegt. Nun geht es darum, mehr Kontrolle über sein Verhalten zu gewinnen. Was könntest du dazu tun, etwa deine Klassenkameraden zu überzeugen, dass du dich beim nächsten Mal unter Kontrolle hast? Was müsste passieren, damit dir das gelingt? Schließlich würde ich die beiden involvierten Schüler fragen, ob die Angelegenheit für sie nun beigelegt ist oder ob sie so etwas wie Mediation wollen. Der Schüler, der sich entschuldigt hatte, könnte durch die Darstellung des anderen vielleicht besser verstehen, wie seine Entschuldigung wahrgenommen wurde – und er könnte eventuell Wiedergutmachung verlangen, die dann auszuhandeln wäre.

Forum Schule: Wie das Beispiel zeigt, sind Sie für den völligen Verzicht auf Strafen. Warum?

Spiess: Strafen beeinträchtigen die Beziehung zwischen den Bestraften und den Strafenden. Sie unterdrücken zwar unerwünschtes Verhalten, führen aber nicht unbedingt zu einer Verhaltensalternative und sind insofern pädagogisch kontraproduktiv. Wenn Tätigkeiten bestraft werden, dann werden diese dadurch außerdem negativ besetzt. Der Hirnforscher Gerald Hüther verwendet als Illustration gerne das Beispiel seiner Mutter, die noch im Alter von 81 Jahren Schillers Glocke aufsagen konnte. Sie hatte dieses Gedicht allerdings mit dem Stock gelernt. Was den Nebeneffekt hatte, dass sie keine Gedichte mehr mag. Außerdem sind Strafen moralisch und ethisch verwerflich. Ich halte es mit Maria Montessori. Sie hat Strafen als "gegen die Menschenwürde" bezeichnet. Ein Handeln, das Schüler darin unterstützt, prosoziale Kompetenzen zu erwerben und kooperatives Verhalten zu zeigen, dürfte zu besseren Beziehungen unter den Schülern und zur Lehrkraft führen, zu höherer Leistungsbereitschaft sowie zu höherer Leistung.

Forum Schule: Klingt einleuchtend. Warum sind Strafen in der Erziehung trotzdem so verbreitet?

Spiess: Das lässt sich mit der Frustrations-Aggressionstheorie erklären. Wird eine Lehrperson in einer zielgerichteten Handlung gestört, ist die Folge zuerst Frustration und dann sehr wahrscheinlich Aggression, die dann zu Strafen führt. Weil Bestrafung in der Regel dazu führt, dass das Verhalten zumindest kurzfristig nicht mehr gezeigt wird, wird die Lehrperson dadurch in ihrem Verhalten bestärkt.

Forum Schule: Das kann wohl jeder nachvollziehen. Aber ist es im Alltag nicht sehr nervenaufreibend und eher unrealistisch, darauf zu verzichten?

Spiess: Nein, die nervliche Belastung nimmt eher ab, wenn Frustrationen nicht immer in bestrafenden Handlungen ihren Ausdruck finden. Es ist auch für Lehrkräfte erleichternd, wenn es ihnen gelingt, ihre Aufmerksamkeit auf Stärken, die eigenen und die ihrer Schüler, zu fokussieren.

Forum Schule: Was müssen Lehrer können, um in kritischen Situationen Lösungen für schwierige Situationen zu erarbeiten?

Spiess: Sie müssen gelernt haben, auf Stärken zu achten, die sie bei ihren Schülern wahrnehmen, sie kultivieren eine positive Feedbackkultur und sie lösen Probleme in Orientierung an der Logik des Gelingens.

ARND ZICKGRAF FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Walter Spiess

Walter Spiess ist Professor an der Universität Flensburg und Direktor der Abteilung Pädagogik bei Verhaltensstörungen/ Erziehungshilfe. Er geht vom Menschen als "coping man" aus. Das heißt, er betrachtet ihn als Problemlöser. Spiess hat auf dieser Grundlage ein Denk- und Handlungsmodell entwickelt.

Links

http://www.uni-flensburg.de/erziehungshilfe/ Deutsche Gesellschaft für systemische Pädagogik http://www.dgsp.org/MdGWalterSpiess.htm Logik des Gelingens www.logikdesgelingens.de

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