Die Sinne entdecken ständig neue Reize, die Gedanken gehen spazieren – und wie war noch mal die Frage? Den Schulalltag zu bewältigen, kann für von ADHSbetroffene Kinder eine fast unlösbare Aufgabe sein. Das Private Gymnasium im baden-württembergischen Esslingen und die Bochumer Cruismannschule gehen ungewöhnliche Wege, um ihre Schüler zu unterstützen.
Reportage von Julia Heer mit Fotos von Alex Büttner
Timo ist aufgeregt: Bis vor ein paar Minuten hat
er noch aus seinen Arbeitsblättern Papierflieger
gebastelt, der Unterricht lief nur nebenbei. Jetzt
aber hat Religionslehrerin Ute Scheifele die Klasse
gefragt, welche religiösen Symbole sie schon
einmal gesehen habe – und Timo will unbedingt
von dem Teppich mit dem Kreuz drauf erzählen,
der früher im Wohnzimmer seiner Oma
hing. Kerzengerade reckt er seinen Finger in die
Höhe, einen Moment später wedelt er schon mit
der ganzen Hand. Andere Kinder sind noch vor
ihm dran, aber Warten fällt Timo schwer. Seine
Mitschüler sehen davon nichts, denn Timo sitzt
hinter einer spanischen Wand. Er ist hypermotorisch,
konnte bis vor kurzem nur im Stehen
am Unterricht teilnehmen. Damit er die anderen
Kinder damit nicht vom Unterricht ablenkt, gibt
es den Sichtschutz, durch den auch Timo seine
Ruhe hat – zumindest optisch. Als der Geräuschpegel
unter den anderen Kindern für einen Moment
anschwillt, zischt hinter der spanischen
Wand ein eindringliches "Pssst!" hervor.
Timo ist einer von 85 Schülern, die das Private Gymnasium in Esslingen in Baden-Württemberg besuchen, einer Ganztagsschule, die 2009 von Eltern und Lehrern gegründet wurde, um Kindern mit ADHS mit einem multimodalen Ansatz eine gymnasiale Perspektive zu bieten. Schulleiter Thomas Dahm erklärt: "Intelligenz ist bei Kindern mit ADHS normal verteilt. Für die begabten Kinder gibt allerdings bislang kaum Förderangebote." Die Schule ist die erste und bislang auch einzige ihrer Art in Deutschland. Das Konzept der Schule basiert auf den langjährigen Erfahrungen des Kindertherapeutischen Zentrums Esslingen und umfasst neben Aufklärung, Beratung und Training für Eltern und fachärztlich überwachter Medikamentengabe vor allem eine intensive pädagogische und psychotherapeutische Betreuung der Schülerinnen und Schüler. Neben den fachlichen Anforderungen der gymnasialen Regelschulen in Baden-Württemberg sieht das schuleigene Curriculum insbesondere die Vermittlung von Kompetenzen vor, die den Schülern zunehmende Selbstorganisation und -regulation ermöglichen.

Auch Manuel geht in die sechste Klasse des Esslinger Privaten Gymnasiums. Er sitzt auf der anderen Seite von Timos Stellwand, auf einer umgedrehten Tonne. Die verhindert, dass der Junge "kippelt". Mit einem Stuhl würde er das sehr häufig tun, erzählt Schulleiter Thomas Dahm. Die Tonne dagegen lässt sich nicht so leicht auf die Kanten stellen. Dafür finden Manuels Hände heute keine Ruhe. Sie untersuchen den Tisch, ziehen immer wieder die Kappen von seinen Filzstiften ab, versuchen mit ihnen zu jonglieren. Der hochbegabte Junge, der schon mit elf Jahren seinem Englischlehrer in fließendem Latein erklärte, dass "repetitio mater studiorum" (Wiederholung die Mutter des Lernens) sei, wird zusätzlich zu der Aufmerksamkeitsstörung von einer Sprechhemmung geplagt. Zuletzt lässt Ute Scheifele die Mädchen und Jungen durch Bewegung auf Fragen antworten: Für ein "Ja" sollen sie aufstehen, ein "Nein" bedeutet sitzen bleiben. "In den Anweisungen eindeutig zu sein, ist sehr wichtig", erklärt die Lehrerin. "Wenn ich in dem, was ich von den Schülern möchte, uneindeutig bin, spiegelt mir das die Klasse sofort zurück."
Deutliche Ansagen und klare Regeln geben den Kindern Orientierung – und können von den Lehrern einfacher eingefordert werden. So haben sich beispielsweise alle Schüler in einem Schulvertrag dazu verpflichtet, die Verhaltensregeln des Privaten Gymnasiums umzusetzen. Dazu gehört auch das Punktesystem: Ein Schüler kann durch Mitarbeit, vorhandene Materialien und angemessenes Verhalten in einer Schulstunde maximal drei Punkte sammeln. "Ein gut gefülltes Punktekonto hat unter den Schülern einen hohen Prestigewert", erzählt Dahm. Das liegt unter anderem auch daran, dass bei Erreichen einer bestimmten Punktzahl Übungsaufgaben, das sogenannte Silentium, erlassen werden können. Im umgekehrten Fall macht ein Minus im Punktekonto Extrasilentien nötig, in denen die Kinder das Versäumte nachholen.

An der Schule gibt es eine Erziehungspartnerschaft mit den Eltern. Durch regelmäßige Gespräche und schriftliche Mitteilungen werden diese ständig über die Entwicklung ihrer Kinder auf dem Laufenden gehalten. Umgekehrt brauchen auch die Lehrer Informationen: Das Kollegium muss beispielsweise die mit dem ADHS einhergehenden Störungen wie Manuels Sprechhemmung, aber auch Ticks oder Depressionen kennen, um diese bei ihrer pädagogischen – und therapeutischen – Arbeit berücksichtigen zu können.
Neben dem speziell geschulten Lehrpersonal gibt es am Privaten Gymnasium Esslingen ein vierköpfiges pädagogisch-psychologisches Team, das eng in den Schulalltag eingebunden ist. Das vielleicht beliebteste Mitglied der kleinen Experten- Gruppe ist Tibetterrier-Dame Paula: Der graubraune, zottelige Hund geht in den Klassenräumen ein und aus und setzt sich oft zu einem Schüler seiner Wahl. "Das ist in der Regel genau derjenige, der gerade ein wenig Zuwendung und Trost gebrauchen kann", sagt Dahm. Wenn ein verständnisvoller Hundeblick nicht ausreicht, sind auch noch Psychologin Filka Kuszmierz und die Sozialpädagoginnen Andreina Serra-Wittke und Claudia Geppert für die Schüler da. In Familien- und Einzelgesprächen helfen sie den Mädchen und Jungen, das eigene Verhalten zu reflektieren. Darauf aufbauend, werden gemeinsam Strategien erarbeitet, um mit dem jeweiligen Störungsbild umzugehen und sich im Idealfall zunehmend selbst zu regulieren – Schwerstarbeit, die sich lohnen kann.
In Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Internationalen Institut für Pädagogische Forschung wird in Esslingen zurzeit die Wirksamkeit von "Wenn-dann-Plänen" erprobt. So kann das Ziel "weniger reinzurufen" beispielsweise dadurch erreicht werden, dass der betroffene Schüler immer dann, wenn er etwas sagen will, zu sich selbst "Stop" sagt und wartet, bis er aufgerufen wird. Psychologie-Professorin Caterina Gawrilow: "Durch die Anwendung einer kognitiven Verhaltenstherapie ist eine geringere Dosierung des Methylphenidats nötig. Und das ist bereits ein großer Erfolg." Gawrilows Studie wird zurzeit noch ausgewertet und soll später in einen Leitfaden für Lehrer für den Umgang mit von ADHS-betroffenen Kindern einfließen. Untersuchungen im Labor haben bereits ergeben, dass Kinder, die kein Ritalin einnahmen, mit Hilfe der Wenn-dann-Pläne die gleiche Konzentrationsleistung erreichen konnten wie die Vergleichsgruppe durch Medikamentengabe. Die besten Ergebnisse wurden bei einer Kombination aus medikamentöser und verhaltenstherapeutischer Therapie erreicht.

Eine Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit zu bewirken, ist auch das Ziel der Bochumer Forschungsgruppe um Ursula Henke, Professorin im Fachbereich Heilpädagogik an der Evangelischen Fachhochschule. "Wir haben die Vermutung, dass Kinder mit ADHS in unserem modernen Alltag insbesondere den visuellen Stimuli nahezu ausgeliefert und so optisch vollkommen überreizt sind", erklärt die Wissenschaftlerin. "Eine Sinnesmischung findet bei diesen Kindern vermutlich überhaupt nicht statt."
Eine Untersuchung zur Wirkung von Naturerlebnissen der amerikanischen Universität von Illinois brachte Henke darauf, ein ähnliches Projekt in Zusammenarbeit mit der Bochumer Cruismannschule, einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen, anzustoßen. Seit einem Schuljahr besucht eine kleine Schülergruppe regelmäßig den Waldpädagogen Peter Vieres im Berghofer Holz. Unter ihnen sind drei Kinder, die unter dem Aufmerksamkeitsdefizit- Syndrom leiden, wie die zehnjährige Ayshe, die suchend durch ein Waldstück in Bochum-Harpen stapft. Eine Buchecker, eine Eichel, ein trockenes Blatt und einen Stock sammeln – das ist die Aufgabe, die Peter Vieres den Kindern gestellt hat. Die Schülerinnen und Schüler sollen möglichst selbstständig die Natur – und damit auch ihre eigenen Sinne – entdecken. "Dazu brauchen sie aber eine Aufgabe", betont Vieres.
Die gestellte Aufgabe zu erfüllen, klappt hier im Wald häufig am besten, wenn man zusammenarbeitet. "Wir bemerken eine deutliche Verbesserung des Sozialverhaltens", berichtet Vieres. "Die Kinder sind inzwischen ruhiger als zu Beginn", bestätigt Sozialarbeiter Dirk Adomat, der die Schüler der Cruismannschule im offenen Ganztag betreut. Sich die vier Gegenstände, die gesammelt werden sollen, zu merken, ist allerdings trotzdem nicht so leicht. Peter Vieres erklärt: "Dass die Kinder sich hier auf ihre Sache konzentrieren, versuche ich immer wieder aufs Neue anzustoßen."
Jeden Montag von 14 bis 15.30 Uhr leitet der Pädagoge seine Schützlinge durch den Wald. Heute haben die Kinder am Ende der Stunde zwischen zwei Bäumen ein stattliches Tor aus heruntergefallenen Ästen und Laub gebaut. Ihre Fundstücke bilden, an Schnüre gebunden, einen Vorhang, durch den nun jeder einmal hindurchgeht. "Das ist der Eingang zu unserer Schule!" verkündet Ayshe stolz. Das Mädchen absolviert nach jedem Waldbesuch Aufgaben, mit denen ihr Arbeits- und Verarbeitungsgedächtnis sowie ihre Psychomotorik getestet werden. "Zu dieser Tageszeit erreicht die Wirkung des morgendlich verabreichten Methylphenidats seinen Tiefpunkt", erklärt Wissenschaftlerin Henke das Verfahren. Umso erstaunlicher die Ergebnisse, die sie gemeinsam mit ihrem Team bislang gesammelt hat: "Bei den Kindern, die zuvor im Wald waren, konnte trotz der für sie sehr ungünstigen Tageszeit sogar eine leichte Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit festgestellt werden." Die Vergleichsgruppe war dagegen kaum in der Lage, die Aufgaben zu absolvieren. Wald statt Ritalin also? Nein, die Waldpädagogik könne, so Henke, die medikamentöse Therapie nicht ersetzen, "aber sehr gut ergänzen".

Zurück in Esslingen: Kurz vor dem Mittagessen ist es Timo doch noch zu viel geworden: Nichts geht mehr, der Junge entschließt sich, freiwillig den Unterricht zu verlassen – zum "Gehirnlüften" auf einer Bank vor dem Schulgebäude. Diese Hilfsmaßnahme können die Schüler in Anspruch nehmen, wenn sie eine Spannungssituation im Unterricht nicht mehr aushalten. Das kann beispielsweise ein unüberwindbares Konzentrationstief oder Ärger über eine verpatzte Aufgabe sein. "Manch einer muss sich dann auch einfach mal seinen Frust von der Seele brüllen", erzählt Thomas Dahm, der sich gleich zu Timo auf die Bank setzen wird. Oft reicht es aber, einige Minuten frische Luft zu schnappen. Obligatorisch ist in jedem Fall ein anschließender Abstecher zum psychologisch-pädagogischen Team. Hier wird dann besprochen, warum die Auszeit nötig war, gegebenenfalls wird getröstet und geschaut, wie man an den Ursachen arbeiten kann. Obwohl man auch in Esslingen "immer wieder scheitert", wie Schulleiter Dahm erzählt, ist der Glaube an das außergewöhnliche Konzept der Schule und vor allem an das Potenzial der Schüler groß. "Und so klappt es jeden Tag ein kleines Stückchen besser."
Dass ihr viel Verständnis entgegengebracht wird, weiß auch Elena zu schätzen. Gemeinsam mit drei Klassenkameraden lümmelt die 16-Jährige in einer Unterrichtspause auf einem Sofa in der Aula. An ihrer alten Schule dachten die Lehrer, "das ADHS würde schon von alleine weggehen, wenn ich älter werde." Wenn sie hier abschweift, wird Elena von ihren Lehrern direkt darauf angesprochen – und die Gedanken kehren zurück zum Stoff. Außerdem hat jeder einen Einzeltisch. Das ist zwar "ein bisschen uncool", aber Elena kann sich so besser konzentrieren. Und das findet sie ziemlich gut. Schließlich will sie in drei Jahren Abi machen und dann studieren – Paläontologie, vielleicht aber auch Psychologie. Da Schülerinnen und Schüler wie Elena leicht abzulenken sind, gehen nur maximal 15 gemeinsam in eine Klasse; Umweltreize und Unruhe werden soweit wie möglich ausgeschaltet. Beispielsweise dadurch, dass die Schüler, abgesehen vom Französisch- oder Lateinunterricht, stets im gleichen Klassenraum bleiben. Der ist bewusst schmucklos gestaltet, die frontal ausgerichteten Tische stehen in gleichmäßigen Abständen so weit voneinander entfernt, dass Flüstern oder Briefchen schicken unmöglich sind. Im Klassenraum der Achten klebt eine Milchglasfolie vor dem Fenster. "Dahinter liegt eine Straße", erklärt Dahm. "Bevor der Sichtschutz angebracht wurde, drehten sich jedes Mal, wenn jemand vorbeiging, alle Schülerköpfe gleichzeitig zum Fenster." Der Schulleiter ist sichtbar stolz auf seine Schützlinge, die vielfach an Regelschulen als "unbeschulbar" galten und jetzt "mucksmäuschenstill im Unterricht sitzen, mit dem festen Willen, es hier zu schaffen." Timo sitzt inzwischen wieder im Unterricht. Wenn es weiter so gut läuft, darf er heute bestimmt ohne Silentium nach Hause gehen.
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