Die Mutter Ihre Eltern empfanden es als Luxus,
dass Tochter Petra Abitur machte. "Das war für
meinen Vater, der in Oberhausen als Bergmann
einfuhr, alles andere als selbstverständlich", erzählt
Petra Mölleken fröhlich lachend. Die Frau mit den
wachen Augen und dem dunkeln Lockenschopf
setzt noch eins drauf: sie studiert. 1977 startet die
heute 56-Jährige als Referendarin an einer Hauptschule
in Bocholt. Ihre Fächer bis heute: Englisch
und Erdkunde. Als Tochter Sandra 1978 zur Welt
kommt, legt die damals alleinerziehende Mutter
für nur drei Monate eine berufliche Pause ein.
"Dann stieg ich wieder mit einer Teilzeitstelle ein
und meine Eltern passten auf die Kleine auf." 1988
wechselte Petra Mölleken an die Gesamtschule Osterfeld
– inzwischen eine Institution in Oberhausen,
die seit 41 Jahren besteht. "Die Lernerfolge im
Gesamtschulsystem fand ich überzeugend und bin
sicher, dass viele Schüler hier die Chance haben,
einen besseren Abschluss zu machen, als es vielleicht
an anderen Schulen möglich wäre." Wie reformfreudig
die Gesamtschule ist, hat Petra Mölleken
immer wieder unter Beweis gestellt: "Mir ging
es stets darum, Kinder stark zu machen, zum Beispiel
gegen sexuellen Missbrauch. Deshalb habe
ich schon vor 15 Jahren das Selbstbehauptungstraining
WenDo mit Kolleginnen ausprobiert.
Heute ist es ganz selbstverständlich in den Schulalltag
integriert." Beim Erwachsenwerden helfen
und Schülern zeigen, dass sie Konflikte auch mit
Worten anstatt mit Gewalt lösen können – all das
sind für Petra Mölleken Themen, für die sie sich
seit Jahren in Projektwochen und Coolness-Gruppen
einsetzt – als Fortbilderin und Beratungslehrerin
teilte sie ihre Erfahrung mit Kollegen.
Die Tochter Schule – nein danke! Nach dem Abi
wollte Sandra Ostermann etwas ganz anderes machen,
und zwar eine Lehre als Kosmetikerin. Das
gefiel Mutter Petra gar nicht, aber einmischen
wollte sie sich auch nicht: Sandra sollte selbst
ihren Weg finden. Dass dieser sie schließlich an
die Schule führte, an der auch ihre Mutter arbeitet,
verdankt die 32-Jährige mit den langen blonden
Locken einer Verkettung von Zufällen, an
deren Anfang der Wunsch vieler Schüler stand.
Die hat sie dann nämlich doch unterrichtet, und
zwar während einer freiwilligen Nachhilfe für Berufsschüler.
Auf die Frage "Warum wirst du nicht
Lehrerin? Das wäre dein Ding!" entgegnete
Sandra Ostermann seinerzeit: "Ach nein,
ich möchte nicht so viel zu tun haben
wie meine Mutter." Die Liebe zur Literatur
siegte jedoch, sie schwenkte
von der Praxis in ein Studium an
der Uni Duisburg-Essen um – wo
ihre Mentorin ihr den Lehrerberuf
so warm ans Herz legte,
dass sie ihn schließlich ergriff: Seit dem Jahr 2004 unterrichtet Sandra Ostermann
ebenfalls an der Gesamtschule Osterfeld,
und zwar Deutsch und Philosophie. Bewusst ging
sie nicht zum Gymnasium: "Ich finde es gut, mich
um die vielen Kinder mit Migrationshintergrund
zu kümmern. Hier werde ich mehr gebraucht."
Mutter und Tochter Dass Petra Mölleken und Sandra Ostermann Mutter und Tochter sind, wissen nur die Kollegen, die Schüler nicht – und um Familienähnlichkeiten zu erkennen, muss man schon ganz genau hinschauen. "Ich achte darauf, Sandra nicht zu bevorzugen", erklärt die Mutter, die die Abteilung der 5./6. Klassen leitet, in der auch die Tochter beschäftigt ist. Trotzdem läuft man sich nicht ständig über den Weg, denn die Gesamtschule Osterfeld ist ein riesiger Betrieb mit 1.200 Schülern und 120 Lehrenden. Dabei bleibt der Einzelne aber nicht auf der Strecke, im Gegenteil: "Wir verstehen uns als Team ebenso fachlich wie menschlich gut", sagt Sandra. Und das, obwohl wie in vielen Kollegien ein Umbruch eingeläutet ist: Zwei Drittel der Lehrenden zählen mehr als 50 Jahre, Sandra gehört zu den wenigen im Alter zwischen 30 und 40 –in nächster Zeit werden viele Kollegen in Altersteilzeit oder Pension gehen, um Jüngeren Platz zu machen. "Das Mittelfeld fehlt", stellt Petra Mölleken fest. "Aber die Lehrer in meinem Alter sind aktiv geblieben und empfinden die Neuen jetzt als Bereicherung. Bei uns stehen die – meist schwierigen – Schüler im Mittelpunkt, da bleibt keine Kraft für Auseinandersetzungen. Außerdem gehört es zum Beruf dazu, offen für Entwicklungen zu sein."
Petra Mölleken begleitet die jungen Lehrenden bei ihren ersten Schritten als Klassenlehrer einer 5. Klasse, hat Spaß daran, zu sehen, wie sie an ihren Aufgaben wachsen. "Für mich ist das auch eine Gratis-Fortbildung, ich erfahre mehr über neue Methoden." So hat sie von Tochter Sandra etwa die "Murmelgespräche" übernommen, in denen sich die Schüler zu Unterrichtsbeginn leise über das Thema der vergangenen Stunde austauschen. Die Methoden des kooperativen Lernens, in denen die Schüler Verantwortung dafür übernehmen, dass ein Thema in der Gruppe erarbeitet wird, gefallen ihr ebenso gut wie die Idee der Lernpartitur, in der für mehrere Fächer ein fachliches Ziel festgelegt wird – also zum Beispiel das Thema Mittelalter in Englisch, Geschichte und Kunst. Sandra Ostermann hingegen empfindet viele Tipps ihrer Mutter und die Gelassenheit der anderen älteren Kollegen als wohltuend: "Ich gehöre zu denjenigen, die immer alles richtig machen wollen. So verzweifle ich beispielsweise fast, wenn ein Schüler während meines Unterrichts einfach aufsteht, was er sonst nicht tut. In solchen Situationen bin ich froh, wenn ein erfahrener Kollege mir rät, locker zu bleiben und meinen hohen Anspruch zurückzuschrauben." Dann fällt es ihr auch leichter zu verschmerzen, dass mancher immer noch den Frontalunterricht bevorzugt und meint, er müsse in den letzten Dienstjahren nichts mehr ändern. "Ich ärgere mich schon, wenn ich von solchen Kollegen zu hören bekomme: Die neuen Methoden funktionieren nicht, die kenne ich schon. Aber das sind Einzelfälle." Jetzt entwickelt sich im 5. Jahrgang an der Gesamtschule Osterfeld eine Teamstruktur, in der die Älteren mit den Jüngeren in kleinen Gruppen zusammenarbeiten sollen – doch Mutter und Tochter sind sich einig: Zündstoff ist zwar vorhanden, vorwiegend werden sich der Erfahrungsschatz der Älteren und die frischen Ideen der Jüngeren aber gewinnbringend ergänzen. "Ob man ein guter oder schlechter Lehrer ist, ist keine Frage des Alters, sondern der Persönlichkeit. Man muss offen sein und im Sinne der Schüler gemeinsam an einem Strang ziehen", sagt Petra Mölleken. Sandra Ostermann nickt lächelnd.
Natascha Plankermann
Petra Mölleken legt Wert auf die Feststellung, dass sie ihrer Tochter nicht - wie in der Printausgabe von Forum Schule berichtet - geraten hat, Lehrerin an einem Gymnasium zu werden. Sie sagt: "Ich habe mich natürlich darüber gefreut, dass meine Tochter sich für die Gesamtschule entschieden hat, obwohl zwei ernst zu nehmende Optionen von Gymnasien vorlagen." Wir bedauern das Missverständnis.
Die Redaktion.
Moritz, 9 Jahre, Münster
Mein Klassenlehrer ist schon etwas älter. Ich finde ihn toll, weil er immer alles ruhig und genau erklärt. Er bereitet uns jetzt in der 4. Klasse gut auf die weiterführende Schule vor.
Olivia, 13 Jahre, Mönchengladbach
Wir haben lustige ältere Lehrer und strenge junge Lehrer. Und umgekehrt. Ich glaube nicht, dass das am Alter liegt, sondern am Charakter. Und der ändert sich ja nicht. Zum Beispiel hat Herr Bongartz, einer der älteren Lehrer, letztens ein Bilderrätsel gemacht. Mein Mitschüler Kai sollte sich an die Tür stellen. Auflösung: Türkei. »
Jonas, 19 Jahre, Bonn
In der Regel lasse ich mich lieber von den Jüngeren unterrichten, weil die mehr Ahnung von aktuellen Themen haben, die auch Jugendliche interessieren.
Kommentar hinzufügen