
"Lassen Sie mich versuchen zu erklären, warum ich nicht zur Schule gekommen bin. Die letzte Zeit fahre ich zur Schule los, wie immer, aber ich habe irgendwie mehr Lust, mit Freunden in dieser Zeit abzuhängen. Es liegt nicht an der Schule, an den Lehrern oder sonst was. Es liegt an mir." Dies ist der Auszug eines Anhörungsbogens von einem Schüler, der mehr als 100 Unterrichtsstunden unentschuldigt gefehlt hat. Ihm droht jetzt ein Bußgeld. Claudia Schadt-Krämer, Stufenleiterin der Klassen 8 bis 10 an der Gesamtschule Emschertal in Duisburg-Neumühl, will sich den Jungen vorknöpfen – er hat jetzt die Wahl: Entweder er lässt das Schwänzen sein, oder er muss zahlen. Die promovierte Pädagogin hat die Hoffnung, dass der Schüler wieder in die Spur kommt. Immerhin habe er sein Fehlverhalten ehrlich eingestanden. Ein erster Schritt zur Besserung.
Claudia Schadt-Krämer hat immer wieder mit Jugendlichen zu tun, die Schule selbst schon als Strafe verstehen, wie sie sagt. Duisburg- Neumühl ist kein idyllischer Standort. Die Zahl der alleinerziehenden und arbeitslosen Eltern ist überproportional hoch, ebenso der Anteil an eingewanderten Familien. Hier lernen viele Kinder früh, zu rauchen, Alkohol zu trinken, Drogen zu nehmen. Unterstützung von zu Hause erfahren die meisten Schüler nicht. Trotzdem kann die Gesamtschule gute Erfolge vorweisen: Ein Drittel ihrer Schüler macht einen mittleren Schulabschluss mit Qualifikation für die Oberstufe, ein Drittel schafft den mittleren Abschluss und den meisten anderen gelingt der Hauptschulabschluss. Eine wichtige Grundlage dafür ist: Die Schule nimmt ihren Erziehungsauftrag an.
Sie versuche einerseits mit Zuneigung, andererseits mit Konsequenz, Leistung einzufordern und die Schüler an die Schule zu holen, erklärt Claudia Schadt-Krämer. Zuneigung bedeute, sich Zeit zu nehmen für jeden einzelnen Schüler, ihm zuzuhören, seine Situation nachzuvollziehen, die Lebensumstände kennenzulernen, ihn auch mal in den Arm zu nehmen und zu trösten. Doch so herzlich Schadt-Krämer sein kann und so viel Verständnis sie oft aufbringt, so hart greift sie ein, wenn es nötig ist. Im Laufe der drei Jahre, die sie in Neumühl arbeitet, hat sie die Bezirksregierung Tausende von Euro Bußgelder von Schulschwänzern einfordern lassen. Tatsächlich reicht meistens schon die Drohung, um bei den Jugendlichen ein Umdenken zu bewirken. Selbst bei Härtefällen wie jenem Schüler, der das gesamte erste Halbjahr der zehnten Klasse nicht zum Unterricht erschienen war. Der junge Mann hat dann doch seinen Abschluss gemacht.
Konsequenz ist für die Bildungsforscherin Prof. Gisela Steins von der Universität Duisburg-Essen, Autorin eines Buches zum Thema ("Sanktionen in der Schule"), ein zentrales Merkmal guter Erziehung – ob zu Hause oder in der Schule. "Manche Lehrer empfinden es als Belastung, wenn sie mal strafen müssen, und lassen es dann lieber sein", weiß die Expertin. Wenn aber auf Fehlverhalten häufig keine Reaktion erfolge, würden Kinder und Jugendliche daraus lernen: Ich mogele mich irgendwie schon durch. Verhaltensänderung? Unnötig. "Mit Strenge hat Konsequenz nichts zu tun", betont Steins. Es gehe eben nur darum, Sanktionen nach einem stets gleichen Maßstab zu verhängen und angedrohte Strafen bei Fehlverhalten auch durchzuziehen. Stattdessen sei häufig in der Praxis zu beobachten, dass die über den Schultag sich in einer Klasse abwechselnden Lehrern völlig unterschiedlich auf Störungen im Unterricht reagierten. Aus der Perspektive der Schüler könne das dann so aussehen, weiß die Professorin:
- Dem Lehrer in der ersten Stunde ist fast alles egal.
- Der Lehrer in der zweiten ist dagegen extrem streng; es hagelt Klassenbucheinträge.
- Der Lehrer in der dritten Stunde pflegt einen demokratischen Unterrichtsstil; die Schüler nutzen die Freiräume, um den in der zweiten Stunde aufgestauten Ärger abzureagieren.
Steins: "So können Kinder Sozialverhalten nicht systematisch lernen. Wenn Vater und Mutter zu Hause nicht an einem Strang ziehen, gibt es Probleme. Das gilt auch für ein Kollegium." Für Abhilfe sorgen klare Absprachen im Kollegenkreis und darüber hinaus Programme, die präventiv wirken und die Schüler frühzeitig mit einbeziehen.
Die Johannes-Kepler-Realschule im niederrheinischen
Viersen-Süchteln hat dafür ein sogenanntes
"Trainingsraumprogramm" eingeführt.
Schüler, die den Unterricht dauerhaft stören, werden
in ein eigens freigehaltenes Zimmer verwiesen,
um dort gemeinsam mit einem Erwachsenen
über das Fehlverhalten zu sprechen und daraus zu
lernen. Im Vorfeld allerdings wird intensiv mit den
Schülern über die Grundregeln des gemeinsamen
Arbeitens gesprochen. Drei davon gibt es, für jedes
Kind leicht zu verstehen: "Erstens, jeder Schüler
hat das Recht, ungestört zu lernen. Zweitens, jeder
Lehrer hat das Recht, ungestört zu unterrichten.
Drittens, Rechte von Lehrern und Schülern müssen
von allen gewahrt und respektiert werden."
Diese Regeln würden den Schülern immer wieder ins Bewusstsein gerufen, berichtet Lehrerin Anne Kurek, die an der Schule für das Projekt zuständig ist. Und es würden klare Grenzen gesetzt, bei deren Überschreitung als Konsequenz der Trainingsraum aufgesucht werden kann. Ein Zwang besteht nicht. Tatsächlich entscheidet der betroffene Schüler selbst, ob er weiter am Unterricht teilnehmen oder den Trainingsraum aufsuchen möchte. Kommt es zum Regelverstoß, erhält der Störer vom unterrichtenden Lehrer eine Ermahnung. Wenn er weiter auffällt, wird er mit einem Informationszettel in den Trainingsraum geschickt, wo er mit einem geschulten Berater über die Geschehnisse reden soll.

Lehrer sowie zwölf dafür ausgebildete Mütter übernehmen abwechselnd diese Gespräche. Sie erarbeiten mit den Schülern sogenannte Rückkehrpläne. Darin beschreiben die Kinder und Jugendlichen, was passiert ist, wie sie sich fühlen und wie sie in Zukunft störungsfrei am Unterricht teilnehmen können. Danach dürfen sie wieder in den Unterricht zurückkehren. Den verpassten Stoff müssen sie allerdings in ihrer Freizeit nacharbeiten. "Normalerweise funktioniert das reibungslos", weiß Anne Kurek. Die Eltern zu Hause erfahren nicht, wenn ein Schüler in den Trainingsraum geht. Dies sei den Schülern wichtig – um nicht zu Hause zusätzlich Ärger zu bekommen, weiß Kurek.
"Lehrer und Schüler sehen den Trainingsraum unterschiedlich", sagt Anne Kurek. "Aus Lehrersicht ist das ein Raum, in dem der Schüler zur Ruhe kommen und Gespräche führen kann, die im Unterricht nicht möglich sind. Sie können sich hier den Stress von der Seele reden und ihren Unmut äußern." Schüler hingegen würden diesen Raum als Strafe empfinden, so Kurek. "Für sie ist es unangenehm, den Raum aufzusuchen, weil sie den Klassenverband, ihre Gruppe, verlassen müssen." Darüber hinaus empfinden es manche Kinder und Jugendliche wohl nicht als angenehm, über ihr Fehlverhalten zu reflektieren.

Zum Nachdenken auffordern, Gespräche führen, in denen Empathie trainiert wird, Anleitungen geben und, als positive Verstärkung, Anreize setzen – das ist auch das, was die Bildungsforscherin Steins im Umgang mit störenden Schülern empfiehlt. Ebenfalls Wiedergutmachung, vor allem dann, wenn ein anderer Schüler zum Opfer geworden ist. "Einen Schüler bloß abzuwatschen, ist keine Lösung. Durch Strafe allein lernt er nichts", sagt sie. "Erwachsene sollten mit Strafen in der Erziehung überhaupt sehr behutsam umgehen. Je öfter sie eingesetzt werden, desto weniger Wirkung haben sie." Und die Eskalation eines Konflikts sei lernpsychologisch ungeschickt. Ebenso die Exklusion, der Ausschluss also vom Unterricht. "Auf keinen Fall sollten Strafen verhängt werden, die den Schüler beschämen oder seinen Willen brechen sollen", betont die Expertin. Sie weiß: Auch heute noch müssten Schüler sinnlose Strafarbeiten erledigen, etwa Sätze wie "Ich darf den Unterricht nicht stören" zigfach abschreiben. "Es gibt immer noch viel Beschämung", sagt Steins. Das zeige die Hilflosigkeit mancher Lehrer.
"Sanktionen funktionieren, wenn die Beziehung
gut ist. Sonst lösen sie nur Trotz und Widerstand
aus", betont Steins. Und wie erreiche ich
eine gute Schüler-Lehrer-Beziehung? Hilfreich sei
es, sich mit den Kindern und Jugendlichen auf Werte zu einigen – und Sanktionen bei möglichen Regelverstößen
im Vorhinein gemeinsam festzulegen. Dies schaffe Vertrauen.
Dann gehöre auch das eigene Vorbild dazu. Steins: "Die
Lehrer müssen sich selber freundlich verhalten
können – das müssen Kollegien schon mal reflektieren: Wer immer nur muffelig vor den Schülern
steht, wird bei ihnen nur wenig Verständnis
für ein gutes Sozialverhalten wecken können."
Aber auch wenn die Zuwendung gegeben ist – Erziehen ist manchmal das Bohren verdammt dicker Bretter, wie Lehrerin Claudia Schadt- Krämer weiß. "H. hat mit einem Metalldraht grundlos auf einige Mitschüler eingeschlagen. S. bewirft dauernd Mitschüler mit Kreide und stört dadurch dauernd den Unterricht. F. wirft mit Papier und stiehlt anderen die Arbeiten. Y. ruft ständig in die Klasse hinein, findet alles lächerlich, auch dass ich ihn in den Trainingsraum schicke. S. schlägt sich mit M.. A. hat ihr Handy an und weigert sich, es herauszugeben. Massive Beleidigung des Fachlehrers." – Beispiele aus dem Alltag in Duisburg-Neumühl.
Ein Jahrgang machte den Lehrerinnen und Lehrern an der Gesamtschule Emschertal besonders große Sorgen. Viele Schüler kamen zu spät oder gar nicht, machten ihre Hausaufgaben nicht, waren frech – und auch der Trainingsraum der Schule hatte keine positiven Auswirkungen mehr auf das Verhalten. "Die schrieben alle dasselbe ins Formular. Sie waren noch stolz, dort zu sitzen. Der Trainingsraum wurde für sie zum Wartezimmer, in dem man chillen kann", berichtet Schadt-Krämer. Erst als die Schüler den versäumten Stoff in ihrer Freizeit unter Aufsicht nacharbeiten mussten, verbesserte sich ihr Verhalten. Für die Pädagogin viel Arbeit. "Wenn die Schüler mir hingeschmierte Unterlagen abliefern, müssen sie es überarbeiten. Notfalls auch viermal. Ich kontrolliere Rechtschreibung und Grammatik. Wenn die merken: ‚Mir geht durch mein Verhalten meine Freizeit verloren', dann ändert sich auch etwas."
Mitunter ist sie mühevoll, aber eben unumgänglich in der Erziehung: Konsequenz.
SUSANNE SCHNABEL, ANDREJ PRIBOSCHEK
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