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30. März 2011 - 1/2011

Beurteilungen mal anders – Alternativen im Überblick

Die üblichen Noten bilden nicht das Maß aller Dinge. Grundschulen schreiben Berichtszeugnisse. Auch Projekt-, Waldorf- und Förderschulen setzen eigene Akzente.

Wie Vornamen Schulnoten beeinflussenTeamfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Projektarbeit oder eigenständiges Arbeiten, diese Dinge fließennur zu einem kleinen Teil in die üblichen Ziffernnoten mit ein. Bei pauschalen Ziffernnoten erhöht sich außerdem die Wahrscheinlichkeit dafür, dass subjektive Kriterien Eingang in die Bewertung finden.Studien haben ergeben, dass beispielsweise nicht besonders leistungsstarke Kandidaten noch schlechter bewertet werden, wenn der Lehrende vorher eine bessere Leistung erlebt hat, als wenn er vorher einen leistungsschwachen Prüfling erlebt hat.

Diese Befunde sollten Bewerter im Hinterkopf haben, sagt Professorin Rose Boenicke vom Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg. Mit ihren 150 Studierenden bespricht sie deshalb regelmäßig Alternativen zur üblichen Leistungsbemessung. Die sind in der Schulpraxis zum Teil gang und gäbe, etwa in der Laborschule in Bielefeld, an Waldorfschulen oder auch an Förderschulen.

1. Transparente Beurteilungskriterien

Eine Möglichkeit der alternativern Bewertung ist, gemein- Beurteilungen mal anders – sam mit den Schülern Beurteilungskriterien zu erarbeiten. Um ein Referat zu beurteilen, könnten etwa die folgenden Merkmale angelegt werden: Wurde das Referat formvollendet frei vorgetragen (3 Punkte), brauchte der Vortragende ein Manuskript (2-1 Punkte) und hat er dieses fehlerhaft vorgelesen (0 Punkte)? "Solche Beurteilungskriterien lassen sich sogar schon mit Fünftklässlern erarbeiten", sagt Boenicke. "Der Lehrer protokolliert, was die Schüler etwa bei einem Vortrag wichtig finden, und gemeinsam legt man die Punkte fest, die erreicht werden können." Die Praxis zeige, dass das funktioniere, die Schüler coachten sich sogar gegenseitig. Probleme gebe es nur, wenn jemand nicht kritikfähig sei. Ein Lernbericht funktioniert ähnlich. Dabei beurteilen die Schüler ihre Lernsituation selbst. Sie beantworten Fragen zu Unterrichtsgegenständen in Fächern wie Deutsch oder Geschichte, die etwa lauten: Welche Inhalte wurden im Unterricht bearbeitet? Was habe ich gelernt? Womit hatte ich Schwierigkeiten? In einem Extrafeld auf dem Lernberichtsformular ist Platz für den Kommentar der Lehrkraft.

2. Lernjournal

Das Lernjournal baut auf dem Lernbericht auf. Im Lernjournal geht es aber ausführlicher darum, was der Schüler gelernt hat (auch in Bezug auf seine personale und soziale Kompetenz), und darum, woran er, auf welche Weise, inhaltlich noch weiterarbeiten wird. Außerdem kann in dem Lernjournal festgehalten werden, was der Schüler in den nächsten Tagen einmal anwenden will, oder was er noch klären möchte. "Der Lehrende legt für sich Bewertungskriterien an, nach denen er die Lernjournale beurteilt", sagt Boenicke.

3. Selbsteinschätzung / Gestufte Lernzielkontrolle

Mithilfe eines Beobachtungsbogens zur Selbsteinschätzung ist es möglich, fortlaufend zu üben und den Lernprozess zu reflektieren. Es ist aber auch denkbar, dass in einem solchen Bogen Kompetenzen abgefragt werden, beispielsweise in dieser Form: "Ich kann mir selbst Ziele setzen". Die Selbstbeurteilung kann dann mit Kreuzchen geschehen – zu Aussagen wie "stimme voll zu, stimme etwas zu, weder/noch, lehne eher ab, lehne völlig ab". Der Lehrer macht seine eigene Beurteilung auf dem Bogen, sowohl er als auch der Schüler müssen die Bewertungen begründen können. Der Beurteilungsbogen der "Gestuften Lernzielkontrolle" ist dann Gegenstand eines gemeinsamen Beratungsoder Beurteilungsgesprächs. "Das Ziel ist nicht nur, die Leistung zu optimieren, sondern auch, sich eigene Gedanken darüber zu machen", sagt Boenicke. "Lehrende, die so arbeiten, fühlen sich später häufig sicherer, wenndann doch Noten gegeben werden müssen. Außerdem haben sie durch den Beobachtungsbogen nicht nur einen größeren Konsens mit den Schülern, sondern auch eine bessere Basis bei Elterngesprächen – denn sie können ihnen die Bewertungsmatrix vorlegen."

4. Verbalbeurteilung / Berichtszeugnis

Kein Zeugnis mit Noten, sondern einen schriftlichen Bericht über das Arbeits-, Sozial- und Lernverhalten des einzelnen Schülers – den gibt es in der Schuleingangsphase an Grundschulen, bis zum Ende des 9. Schuljahres an verschiedenen Schulen, so zum Beispiel an den Waldorfschulen, aber auch an der Laborschule in Bielefeld und an Förderschulen. Professorin Susanne Thurn, Leiterin der Laborschule, beschreibt die Berichte so: "Diese Berichte werden auf das jeweilige Kind ausgerichtet. Wir messen es an sich selbst und seinen Leistungsmöglichkeiten." So könne es beispielweise sein, dass ein Kind, das in einer Hauptschulklasse nur ein "ausreichend" bekäme, einen positiven Bericht erhält, während ein möglicher Einserkandidat eines Gymnasiums sich mit einem weniger guten Bericht abfinden müsse, weil er unter seinem Leistungsvermögen geblieben ist. Auch in den Berichtszeugnissen der Förderschulen geht es darum, was die Kinder geschafft haben und wo sie sich noch verbessern müssen. Im Vorfeld können die Schüler daran arbeiten, einen guten Bericht zu erhalten. "Denn dieser beruht immer auf einem Förderplan, den der Klassenlehrer schreibt und mit den Schülern am Schülersprechtag bespricht", erklärt Ingrid Lebeck, Leiterin der Düsseldorfer Peter-Härtling-Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen.

5. Portfolio

Ein Portfolio kann man als eine Art Sammelmappe beschreiben, in der der Prozess des Lernens dokumentiert wird. "Dadurch wird die Absicht verfolgt, die Kompetenzen der Schüler sichtbar zu machen", sagt Frank de Vries. Er begleitet als Projektleiter die Waldorfschulen in Nordrhein-Westfalen, die ihren Absolventen solche Portfolios mit auf den Weg geben. Deren Qualität muss jährlich von einer anerkannten Zertifizierungsstelle geprüft werden. 400 Schüler an 16 Projektschulen in NRW haben im Jahr 2010 eine solche Mappe erhalten, in der neben einem Notenzeugnis auch Nachweise darüber enthalten sind, ob ein Schüler etwa ein Landwirtschaftspraktikum gemacht oder sich in der Theatergruppe engagiert hat. "Die Kinder haben sich außerhalb des staatlichen Lehrplans etwas erarbeitet, mit dem sie sich nach außen darstellen können", sagt de Vries. "Das kann bei der Suche nach einer Lehrstelle Vorteile verschaffen. Ein Absolvent in Minden kam nur deshalb unter 2. 500 Bewerbern in die engere Auswahl als Azubi einer Kunstschmiede, weil er handwerkliche Kompetenzen in seinem Portfolio vorzeigen konnte."

Natascha Plankermann

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