Titel
31. Oktober 2011 - 3/2011
10 Milligramm Arbeitswut
Ritalin ist die Modepille der Leistungsgesellschaft. Welche Wirkungen auftreten können, zeigt ein Selbstversuch der JOURNALISTIN BIRGIT SCHMID.
Die ganze letzte Woche nahm ich Ritalin. Ich leide nicht an ADHS und bin kein Zappelphilipp. Trotzdem bleibe ich manchmal nicht bei der Sache. Ich streife durchs Büro, begutachte das Wachstum der Pflanzen und checke alle halbe Minute E-Mails. Es ist aber leider nicht wirklich entspannend, so in Gedanken verhangen zu sein. Denn ich habe Termindruck und fühle mich äußerst ineffizient. Solche Tage machen noch kein "Hirndoping" nötig. Die Verkaufszahlen von Ritalin zeigen aber: Immer mehr Menschen erhöhen ihre Leistungen mit pharmazeutischen Mitteln. Zuerst denkt man: Wie verwerflich und ungeheuer. Gleichzeitig strahlt das Wort Kraft und Sieg aus. Um mitreden zu können, entschloss ich mich, selbst zu dopen.
Ich überredete meinen Hausarzt, mir die kleinste Packung mit dem niedrigst dosierten Ritalin zu verschreiben. Die Packung enthielt dreißig Pillen à 10 Milligramm. Ich sollte mich an die Dosis von ein bis zwei Tabletten täglich halten, der Abstand zwischen den Einnahmen sollte mindestens vier Stunden betragen. Bei dieser niedrigen Dosierung seien kaum Nebenwirkungen zu erwarten, sagte der Arzt. Höchstens auftreten könnten Kopfschmerzen, geringerer Appetit, Schlaflosigkeit, erhöhter Puls.
Mittwochmorgen, neun Uhr, ich schlucke die ersten 10 Milligramm Arbeitswut und Selbstdisziplin. Nach einer Dreiviertelstunde spüre ich den Energie-Boost in Kopf und Körper. Das Herz schlägt kräftig. Es stellt sich ein Hochgefühl ein, die ersten zwei Stunden ansteigend. Ich möchte mich bewegen, wenn mir die Arbeit am Computer nicht verlockender erscheinen würde. Erst als es nach zwei Stunden an der Bürotür klopft, schrecke ich auf. Meine Gesichtshaut spannt, ich muss regungslos auf den Monitor gestarrt haben. Meine Beine tragen meine Gedanken wie ein Wiesel durch den Flur, meine Gedanken haben Beine. Am Mittag habe ich leider eine Verpflichtung und muss meine wunderbare Arbeit verlassen. Während des Stehlunches mache ich intensiven Smalltalk. Bin ich zu hektisch? Wirke ich angetrieben? Ich habe das Gefühl, ich sperre meine Augen auf und verschlucke das Gegenüber beinahe, fixiert auf sein Gesicht. Blinzeln!
Abends ist es noch immer so, als zöge ein Magnet all meine Gedanken an. Als ich einkaufen gehe, kreise ich nicht drei Stunden lang um die Regale, unentschieden, ob ich Tomaten oder Gurken kaufen soll. Ich weiß plötzlich klar, was ich will. Überhaupt kein Kochtalent, probiere ich zum ersten Mal seit Langem etwas Neues aus. Die Pille macht fähiger. Selbstbewusst. Mein Freund erzählt irgendwas, ich sehe, wie er die Lippen bewegt. Aber ich klebe mental an anderem. Ich denke zum Beispiel, dass ich erst in zwölf Stunden wieder im Büro bin und an meiner Arbeit sitzen kann. Hunger, das habe ich an diesem Abend. Und weil ich auf eine weitere Pille später am Tag verzichtete, schlafe ich auch gut.
Anderntags spüre ich einen kleinen Widerstand, Ritalin zu schlucken. Ich werde in den kommenden Stunden die Welt ausschließen. Sobald das Methylphenidat wirkt, werde ich selbstgenügsam. Wenn Ritalin süchtig machen würde, dann nach diesem Angetriebensein. Es fällt mir beim Schreiben viel leichter, Entscheidungen zu treffen. Die Worte vermehren sich ungebremst. Andererseits denke ich weniger zusammenhängend. Das Denken ist wie ein Laser, zu konzentriert, als dass es bis zum nächsten Abschnitt reicht. Alles jenseits des Computerbildschirms behindert. Werfe ich trotzdem einen Seitenblick, bleibe ich einen Moment hängen. Stehe neben dem Bücherregal, bis ich nach einigen Minuten merke, dass ich noch immer dastehe und vergessen habe, was ich wollte.
Am vierten Tag fühle ich mich ausgebrannt. Ich will die Pille erst am Nachmittag schlucken. Um wacher und aktiver zu werden, wäre jetzt zwar ein Ritalin nötig. Nur mit der nahtlosen Einnahme vermeide ich den "Rebound", wie man den Zustand nach Nachlassen der Wirkung nennt, den Sturz in ein Energieloch. Beginnt die Pille zu wirken, verschwinde ich im Text. So geht es weiter, am fünften, sechsten, siebten Tag. Es schreibt und schreibt und schreibt.
Die ganze letzte Woche nahm ich Ritalin. Mit zwei Ausnahmen immer nur eine Pille. Obwohl es an müden Tagen von Vorteil sein kann, sich an die Arbeit zu setzen, ohne einen Sinn zu hinterfragen, hat das Gefühl der Hyperfokussiertheit rückblickend etwas Erschöpfendes. Aufgeputscht erlebte ich das Zwischenmenschliche als mühsam. Wie hat der Philosoph Thorsten Galert die Vision, dass wir dank Neuro-Enhancement immer klüger werden, relativiert? "So eine Pille verhilft Ihnen nicht zu geistigen Kräften, die Ihr Potenzial erheblich übertreffen. Sondern Sie schöpfen damit Ihre Fähigkeiten aus und zeigen Ausdauer beim Aufrufen Ihrer Leistungsfähigkeit." Klarer hätte man es auch unter Methylphenidat nicht sagen können. Geh jetzt, Rita.
BIRGIT SCHMID
Der Text ist erstmals in »Das Magazin« erschienen. Die Beilage liegt wöchentlich u.a. der Berner Zeitung bei.
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