Unterricht

21. Dezember 2011 - 4/2011

Mikro laut, Schüler leise

Ein NEUES AKUSTIK-SYSTEM verspricht entspannteren Unterricht.

In einem Pilotprojekt
an sechs NRWSchulen

Das Problem: Lärm im Klassenzimmer, der Abstand zwischen Lehrer und Schülern sowie schlechte Akustik erschweren oft die Kommunikation. Die vermeintliche Lösung: Der Lehrer wird laut. Aber wer mag es wirklich, permanent mit erhobener Stimme zu reden, um auch noch in der letzten Reihe trotz Lärm gut verstanden zu werden?

"Schulplaner denken leider oft nicht an die Akustik," so die Erfahrung von Akustik-Professor Dr. Jürgen Tchorz von der Fachhochschule Lübeck, einer der führenden Adressen in dem Fachbereich. "Besonders alte Klassenräume haben keine schallschluckenden Decken, dadurch wird der Lärm zurückgeworfen und in der Klasse wird's noch lauter, als es ohnehin schon ist."

Der Wissenschaftler begleitete mit seinen Studenten in NRW ein Pilotprojekt mit einem neuen Sound-System. Dabei trägt der Lehrer ein Kopfmikrofon, das in Mundnähe positioniert wird. Er spricht in einer normalen, für ihn angenehmen Lautstärke. Er bewegt sich frei in der Klasse, das angeschlossene Lautsprechersystem kann beliebig im Raum positioniert werden. Der Ort des Lehrers im Raum und der Geräuschpegel der Klasse werden vom System so berücksichtigt, dass ihn die Schüler an jedem Sitzplatz im Klassenraum und zu jeder Zeit gleich gut hören und verstehen können.

Für die Studie wurden Lärmmessungen und Befragungen in insgesamt 23 Klassen an sechs verschiedenen Schulen mit und ohne das neue Sound-System durchgeführt. Die Ergebnisse: Bei Einsatz des Systems sank bei den meisten Lehrern die psychische Belastung durch Klassenlärm. Die Befragten gaben an, sich im normalen Unterricht bei nahezu jeder dritten Anweisung oder Erklärung aus Verständigungsgründen wiederholen zu müssen – mit Sound-System sei dies nur noch selten der Fall. Beim Unterricht mit Kopfmikro bewerteten Lehrer Unruhe von Schülern nur noch sehr selten als Ursache von Stresssituationen – vorher tat das fast die Hälfte der Befragten. Rund 50 Prozent der Lehrer bestätigten, dass sie sich mit der neuen Technik besser auf Inhalte und Einweisungen konzentrieren können, dass sich die Lernleistung der Schüler verbessert hat und diese eine erhöhte Disziplin zeigten. Tchorz: "Unsere Untersuchungsergebnisse gehen alle in die gleiche Richtung: Es wird nicht lauter durch das System, sondern die Lehrerstimme wird nur verstärkt. Und die Kinder werden im Gegenzug leiser."

Ingrid Wernsing, Rektorin an der Graf-Ludwig-Schule in Steinfurt, hat das System in ihrer Klasse getestet. "Die Kinder haben extrem positiv reagiert. Und für mich war es eine echte Entlastung", sagt die Schulleiterin. "Man darf sich das System nicht als ein Mikro vorstellen, wie man es aus dem Uni-Hörsaal kennt. Ich kann mit dem Kopfmikro ganz normal sprechen, es pegelt meine Stimme dann automatisch höher, wenn die Kinder zum Beispiel in freien Arbeitsphasen lauter sind." Ein paar Wochen habe sie selbst zwar gebraucht, bis sie sich an das Gerät gewöhnt habe, aber nun möchte sie es nicht mehr missen, sagt Wernsing.

Claudia Nüsser, Lehrerin an der Ludgerus-Grundschule in Wettringen: "Wenn ich das System verwende, wird es automatisch ruhig in der Klasse. Die Schüler können besser zuhören. Auch der Schüler in der letzten Reihe versteht klar und deutlich seinen Arbeitsauftrag."

MARTINA PETERS

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