Unterricht

21. Dezember 2011 - 4/2011

Chats und Wikis in die Klassenzimmer

Internettexte gehören längst zum Alltag von Schülern und Lehrern, und damit verändert sich die Sprache. WISSENSCHAFTLER DER UNIVERSITÄT DORTMUND wollen das Thema in die Schulen bringen.

Im Internet ist sprachlich

Wenn Jugendliche ihre Freunde während des Urlaubs auf dem Laufenden halten wollen, schicken sie keine Postkarte oder rufen an, sondern sie bloggen, twittern oder posten. Anders gesagt: Sie nutzen das Internet, um mit anderen in Verbindung zu bleiben. Internetbasierte Kommunikation ist für sie, ebenso wie für die meisten Lehrer, selbstverständlich. Je nachdem, mit wem, in welcher Situation und zu welchem Zweck sie kommunizieren, wandeln sich Sprache und Stil: Mal werden alle Wörter klein geschrieben und keine Kommata gesetzt, mal wird streng auf Orthografie und Grammatik geachtet. Wie genau E-Mails, Chats, Skype und Co den Umgang mit Sprache beeinflussen, untersuchen Wissenschaftler der Technischen Universität Dortmund in ihrem Arbeitsschwerpunkt "Internetbasierte Kommunikation" – ein Thema, das auch für den Schulunterricht bedeutsam ist.

"Für Jugendliche gehört die schriftliche Kommunikation über das Internet längst zum Alltag. Deshalb ist es wichtig, die Besonderheiten und Bedingungen des Kommunizierens im Deutschunterricht zu thematisieren", sagt Angelika Storrer, Professorin für Linguistik der deutschen Sprache und Sprachdidaktik. Anknüpfungspunkte an die Vorgaben in den Lehrplänen gebe es genug: So lassen sich die internetbasierten Kommunikationstechnologien beispielsweise für die Schreibdidaktik und die Reflexion von Texten und Sprache nutzen. "Textsortenkompetenz war schon immer ein zentrales Ziel des sprachbezogenen Deutschunterrichts. Und dazu gehört heutzutage auch die Kompetenz, internetbasierte Kommunikationsformen zu nutzen und ihre sprachlichen Besonderheiten zu reflektieren und zu bewerten", sagt die Expertin.

Um das Thema "Sprache im Internet" in die Schulen zu bringen, setzen die Forscher auf die Lehramtsstudierenden als Multiplikatoren und schaffen so während des Studiums die Voraussetzungen, damit die zukünftigen Lehrer kompetent mit dem Thema umgehen können: Die Studenten analysieren Chatprotokolle nach grammatikalischen Gesichtspunkten, machen empirische Untersuchungen und entwickeln Unterrichtsvorschläge zu Schreib- und Sprachförderung, die sie anschließend in den Schulen umsetzen.

Lehrer, die das Thema im Unterricht behandeln möchten, profitieren von der Arbeit der Wissenschaftler: Sie können beispielsweise auf bereits erprobte Unterrichtskonzepte zurückgreifen oder einen Teil des Dortmunder Chatkorpus nutzen. Diese ist eine digitale Ressource, die ursprünglich für die Forschung entwickelt wurde, und mehrere Hundert Chatmitschnitte umfasst. Anhand von Beispielen aus dem Korpus können Lehrer mit Schülern die sprachlichen Besonderheiten von "Netztexten" herausarbeiten. Storrer: "Der Chat eignet sich wunderbar dazu, Schülern bewusst zu machen, in welcher Situation welche Sprache angemessen ist." Die Schüler analysieren zum Beispiel, warum in einem Chat mit Prominenten oder offiziellen Stellen auf Groß- und Kleinschreibung sowie Kommata geachtet wird, während dies im Plauderchat keine Rolle spielt. In Niedersachsen wurde der Datenbestand bereits 2009 als Unterrichtsressource in den Kernlehrplan Deutsch für die gymnasiale Oberstufe aufgenommen. Neben dem Chatkorpus plädiert Storrer dafür, auch Wiki-Technologien im Unterricht zu nutzen: Sie sind (technisch) einfach zu bedienen, sehr populär und beliebt. "Das Motivationspotenzial bei den Schülern ist enorm", sagt die Sprachforscherin. Schüler könnten "kleine Webautoren" werden, Seiten verlinken und Bilder einbauen, aber auch über das Schreiben nachdenken.

Ob eine Wiki-Schülerzeitung über den Schüleraustausch, eine Schreibkonferenz zur Klassenfahrt oder zu abiturrelevantem Wissen – vieles ist denkbar. Weiteres Plus der "Wikis": Sie bereiten die Schüler auf eine neue Art von Textproduktion vor: "Wikipedia bietet die Chance, das gemeinschaftliche Schreiben in die Schule zu bringen", sagt Storrer. Kooperatives Arbeiten an Texten werde im Berufsleben von nahezu jedem verlangt und sollte deshalb schon in der Schule beginnen. Hier liege ein großes didaktisches Potenzial, das genutzt werden sollte.

FRAUKE KÖNIG

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