
Ein Freitagabend in Bochum, die Glocke der Propsteikirche St. Peter und Paul schlägt acht Uhr: Das Signal für die jungen Gäste von "SchlafamZug", dass die Notschlafstelle für Jugendliche jetzt ihre Tür für sie öffnet. Nur wenige Minuten sind es von der Innenstadt bis zu dem unscheinbaren Bau an der Castroper Straße. Wer hier klingelt, dem bleiben nicht viele Alternativen für die Nacht. Bekannte oder Freunde haben heute keinen Platz, da bliebe nur die Parkbank. Das Verhältnis zu den Eltern? Schon lange kaputt. In der Tasche kein Geld, im Gepäck eine Karriere aus gescheiterten Wohn-, Therapie- und Jugendhilfemaßnahmen. "SchlafamZug", eine Einrichtung des Evangelischen Kinder- und Jugendheims Overdyck, wurde als ein niederschwelliges Angebot konzipiert. Denn es ist die letzte Adresse, an die sich obdachlose Jugendliche auf ihrer Suche nach einer Schlafstätte in Bochum wenden können. Auch "total konsumiert", also berauscht, wie es die Leiterin der Einrichtung, Jannine Düding, erklärt, darf hier übernachtet werden. Mit ins Haus hineinbringen darf man Drogen allerdings nicht, auch Gewalt ist strikt verboten. Minimale Grundsätze, an die sich trotzdem manch einer nicht halten kann.
Um kurz vor halb zehn klingelt Florian* an der Tür. Mit großem Hallo begrüßt er Düding und ihre Kollegen. Auf seinem T-Shirt prangt ein flotter Spruch in grellen Farben. Alles easy? Klaro! Bis Florian ein wenig zur Ruhe kommt und von den weniger lustigen Dingen in seinem Leben erzählt, dauert es. Eine Woche lang hatte der 17-Jährige Hausverbot. Amphetamine waren es, die er hier heimlich geschnupft hat. Neben Alkohol und Cannabis sind sie ein häufig konsumiertes Suchtmittel unter den Bochumer Straßenkindern, wie Düding berichtet. Florian will das mit den Drogen jetzt sein lassen. Sichtlich stolz erzählt er, dass er mit Hilfe des Jugendamtes bald in eine eigene Wohnung ziehen wird, Düding und ihr Team haben ihn unterstützt, dafür ist er dankbar. Seit einer Woche habe er zudem eine Freundin, durch die sei auch "die Sache mit der Gewalt" viel besser geworden. In Momenten, in denen der kräftige Junge sich provoziert fühlt, schlägt er bisweilen blind zu, kann sich am nächsten Tag an nichts erinnern. Schnittnarben an Unterarmen und am Bauch zeigen, dass Florians Gewalt sich auch gegen ihn selbst richtet. Zurzeit nimmt er in dem Büro von Jannine Düding regelmäßig Medikamente gegen seine Depressionen ein. "Immer dann, wenn es ihm besser geht, verweigert er sie aber auch wieder schnell", berichtet Düding. Und zwingen kann sie hier niemanden zu irgendetwas.
Bis zu zehn Tage können Mädchen und Jungen hier bedingungslos unterkommen, danach werden Absprachen mit Düding oder ihrer Kollegin Sophia Cojaniz fällig. "Die Jugendlichen müssen dann anfangen, mit uns zusammenzuarbeiten"; erklärt die Sozialarbeiterin. Denn wer zu "SchlafamZug" kommt, soll kein Dauergast werden. Düding wird häufig gefragt, ob die Kombination aus Schutzraum und Beratungsangebot Erfolg hätte. "Das hängt davon ab, was man darunter versteht", entgegnet sie dann. "Bei dem einen ist es schon ein Erfolg, wenn er überhaupt kommt, sich an Termine hält. Bei dem anderen ist es ein Erfolg, wenn er jeden Tag duscht." Nicht selten sind den Jugendlichen die einfachsten Regeln des Alltags abhanden gekommen, müssen behutsam wieder erlernt werden. Ausnahmen bestätigen aber auch hier die Regel: "Can, einer unserer Gäste, besucht beispielsweise seit September wieder hochmotiviert und regelmäßig die Schule."

Neben Florian sind inzwischen noch fünf weitere Gäste eingetrudelt. Die Notschlafstelle stellt 14- bis 21-Jährigen Unterschlupf bereit, jüngere Ausreißer gibt es selten, aber auch sie werden nicht weggeschickt. Grundversorgung gibt es für jeden. Manch einer möchte duschen, die Waschmaschine nutzen, fast alle quält der Hunger. Wem etwas zum Anziehen fehlt, kann sich in der Kleiderkammer bedienen. Oder wie Eva auch direkt nach dem Eintreffen einen Abstecher in die Garage machen. Hier stehen in einem großen Metallregal Plastikkisten. Die, auf der ihr Name steht, hat sich Eva gerade hervorgezogen. Das Mädchen wirkt ein bisschen fahrig, wie es in dem bis zum Rand mit Kleidung vollgestopften Behälter wühlt. Hier kann die 17-Jährige unterstellen, was nicht in die große Umhängetasche passt, die sie tagtäglich mit sich herumträgt. Eine Entlastung für das Mädchen – ein zartes Band zwischen den Betreuern und der Ausreißerin. Aber nicht immer kommen die Besitzer der bunt zusammengewürfelten Habe zurück. "Sachen, die seit einem halben Jahr nicht abgeholt wurden, entsorgen wir", erzählt Sascha O., der gemeinsam mit einer weiteren studentischen Aushilfskraft heute die Nachtschicht übernimmt. "Sonst würde sich hier einfach zu viel ansammeln."
Ein Güterzug rattert vor den Fenstern vorbei, es ist inzwischen Zeit für das Abendessen: Nudeln mit Tomatensoße und Gemüse, dazu Salat – frisch gekocht von Sascha und seinem Kollegen Bastian R.. Alle haben Hunger, hauen rein. Außer Christoph. Mehrere Pullover trägt der 18-Jährige übereinander, trotzdem wirkt er schmal, fast zerbrechlich. Isst Christoph mit? Heute nicht, keine Zeit – er habe noch Pläne. Jannine Düding wird ihn noch zu einem Glas Cola überreden können. "Die meisten Jugendlichen sind völlig unterzuckert", erzählt sie, nachdem Christoph wieder fort ist. Einen kurzen Abstecher macht er aber vorher noch in die hauseigene Kleiderkammer, er sucht sich aus dem Fundus der Wäschestücke, die dem Haus gespendet wurden, einen wollenen Pullover, heraus. Den zieht er unter seine Kleidungsschicht, es wird eine lange Nacht werden. "Menschen, die ein normales Leben führen, mit einer festen Wohnung, einem sicheren Job, leben in einer komplett anderen Welt als ich", sagt Christoph. Berührungspunkte? So gut wie keine. Von seinen 18 Jahren hat Christoph insgesamt drei Jahre im Vollzug zugebracht. Mist habe er gebaut, ziemlich viel. Seit kurzem ist er wieder auf der Straße. Die große Freiheit? "Von wegen", meint Christoph entschieden. "Die Straße ist genauso ein Gefängnis. Du hast ja nix, kein Geld, keine Möglichkeiten." Also klaut er am Tag, die Nächte tanzt er durch. "Tectronic" ist sein Tanz. Wenn er darüber spricht, kommt plötzlich Leben in Christoph. Ein Video habe er schon aufgenommen, er will groß damit rauskommen, irgendwann. Seit vier Tagen sei der junge Mann, den Düding schon seit Jahren immer wieder in der Notschlafstelle trifft, schon auf den Beinen, vermutet die Sozialarbeiterin. Seine erweiterten Pupillen lassen auch heute Nacht nicht an Schlaf denken. Vielleicht wird er trotzdem morgen Abend wieder hier sein, um acht Uhr, wenn die Kirchturmuhr schlägt. Diesmal vielleicht für ein Abendessen – oder sogar eine Mütze Schlaf in einem Bett, das dann für eine Nacht lang ihm gehört.
JULIA HEER
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