Forschung

31. Oktober 2011 - 3/2011

Treibstoff Gütesiegel

Das »Gütesiegel Individuelle Förderung« zeige Lehrern Wertschätzung und sorge für Entwicklung von unten, sagt SCHULFORSCHER ANDREAS HELMKE.

So viele Schulen tragen
in den Regierungsbezirken
Nordrhein-Westfalens
das Gütesiegel.Forum Schule: Kritiker meinen, individuelle Förderung sei in Klassen mit 30 Schülern nicht möglich. Was sagen Sie denen?

Professor Andreas Helmke: Das ist ein verbreitetes Missverständnis. Zwischen einer sofortigen und radikalen Individualisierung und traditionellem Schulklassenunterricht vom Typ 7G (alle gleichaltrigen Kinder sollen beim gleichen Lehrer mit dem gleichen Lehrmittel im gleichen Tempo das gleiche Ziel zur gleichen Zeit gleich gut erreichen) sind viele Zwischenformen möglich.

Forum Schule: Welche Bedingungen müssen denn erfüllt sein, damit Lehrer jedes Kind gezielt fördern können?

Helmke: Neben ausreichenden zeitlichen und räumlichen Ressourcen benötigen Lehrer vor allem diagnostische Kompetenzen und müssen ausgetretene Pfade verlassen. Das erfordert Mut und gelingt am besten durch enge kollegiale Kooperation. Dafür lässt sich etwa ein von uns neu geschaffenes Instrument der Unterrichtsdiagnostik nutzen. Es umfasst eine Broschüre, Fragebögen und Software. Seit Januar 2011 kann das Material kostenlos aus dem Internet heruntergeladen werden: www.unterrichtsdiagnostik.info

Forum Schule: Besteht nicht die Gefahr, dass Pädagogen vor lauter Förderplan-Schreiben die Beziehung zu den einzelnen Kindern verlieren?

Helmke: Es gibt zahlreiche weniger aufwendige Formen, interindividuelle Unterschiede im Lernen zu dokumentieren, etwa durch Lernentwicklungshefte oder Lerntagebücher.

Forum Schule: In NRW gibt es das Gütesiegel zur Individuellen Förderung. Was hat es bisher bewirkt?

Helmke: Die Initiative hat als Schulentwicklungskonzept, das auf schulische Expertise vor Ort und kollegiale Kooperation in den Regionen setzt, eine Menge in Schulen bewegt und durch die mit der Verleihung verbundene öffentliche Wertschätzung aktiviert und mobilisiert. Nach dreieinhalb Jahren gibt es in NRW insgesamt über 400 ausgezeichnete Schulen. Sie sind in ihren Regionen als Kooperationspartner gefragt, machen zum Teil Fortbildungsangebote für andere Schulen und können – zusammen mit den Schulen der Initiative "komm-mit! Fördern statt Sitzenbleiben" – für das im Entstehen begriffene Netzwerk "Schulen der Zukunft – Netzwerk Individuelle Förderung NRW" die Rolle von Katalysatoren spielen.

Forum Schule: Was könnte das "Gütesiegel Individuelle Förderung" zur erziehungswissenschaftlichen Forschung beitragen?

Helmke: Vorhaben wie das "Gütesiegel Individuelle Förderung"werfen für die erziehungswissenschaftliche Forschung interessante Fragen auf: Wie lassen sich dessen Ziele in empirisch prüfbare Kriterien übersetzen? Wie nachhaltig wurden Schüler tatsächlich gefördert? Um diese Fragen beantworten zu können, benötigt man neben schulischen Angaben zu Förderkonzepten auch Angaben der Schüler selbst. Außerdem könnte man die Effektivität prüfen: Sind die Gütesiegel-Schulen, verglichen mit dem Durchschnitt der Schulen der jeweiligen Schulart, nachweislich besonders erfolgreich? Hier sollte man aus wissenschaftlicher Sicht auch belastbare "harte" Daten heranziehen, etwa Leistungskennwerte, Klassenwiederholungen und Abschlüsse.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE ARND ZICKGRAF

»Gütesiegel Individuelle Förderung«

88 Schulen erhielten in diesem Jahr letztmals das "Gütesiegel Individuelle Förderung". Die Auszeichnung wurde damit insgesamt 439-mal verliehen. "Jetzt haben wir die nötigen Voraussetzungen geschaffen, um in die nächste Phase eintreten zu können", sagte Schulministerin Sylvia Löhrmann. Das Gütesiegel geht in dem neuen Netzwerk "Schulen der Zukunft – Netzwerk Individuelle Förderung NRW" auf. Die Gütesiegelschulen sollen darin anderen Schulen beratend zur Seite stehen.

»Individuelle Förderung erfordert Mut und Kooperation.«

Andreas HelmkeAndreas Helmke ist Professor für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie an der Universität Koblenz- Landau und forscht über Unterrichts- und Schulentwicklung. Er ist Berater mehrerer Bildungsministerien im In- und Ausland.

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