Immer mehr Schülerinnen und Schüler bekommen ADHS-Medikamente verschrieben. Dazu kommt der Schwarzmarkt. Ritalin und Co. werden auch zum Hirndoping missbraucht. Die Folge: Noch nie war so viel Methylphenidat im Umlauf wie heute – ein Wirkstoff, der dem Aufputschmittel Amphetamin verwandt ist.
In den USA, so berichteten ihm Kollegen während
einer gemeinsamen Zugfahrt, sei es mittlerweile
nicht mehr ungewöhnlich, dass Eltern
ihren Kindern Psychopharmaka verabreichten,
wenn diese mal traurig seien. Pillen als Stimmungsaufheller
gegen die kleine Krise zwischendurch?
"Eine furchtbare Vorstellung", sagt Peter
Lehndorfer, Kinder- und Jugendpsychotherapeut
aus München und Vorstand der Bundespsychotherapeutenkammer.
Ist der Alltag vieler Kinder
und Jugendlicher hierzulande aber wirklich so
weit davon entfernt? Hunderttausende von Schülern
in Deutschland nehmen täglich Ritalin oder
ein ähnliches Stimulans ein. Das darin enthaltene
Methylphenidat, ein dem Aufputschmittel Amphetamin
verwandter Wirkstoff, soll vor allem bei
Hyperaktivität helfen, wird aber offenbar viel zu
oft verschrieben. Anders sei der Boom bei den Absatzzahlen
nicht zu erklären, so meint Lehndorfer.
Dazu kommen Studien, die einen wachsenden
Missbrauch solcher Medikamente zum Hirndoping
– also zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit
– nahelegen. Psychopillen sind also auch
in Deutschland auf dem Vormarsch. Was bewirkt
das in den Köpfen der Kinder?
Betroffen ist statistisch umgerechnet etwa
ein Schüler in jeder deutschen Schulklasse – Tendenz
stark steigend. Nach einer Studie der Techniker
Krankenkasse wuchs der Anteil der Sechsbis
18-Jährigen unter ihren Mitgliedern, die Methylphenidat
verordnet bekamen, zwischen 2006
und 2009 von zwei auf 2,7 Prozent an, was einer
Steigerung von knapp einem Drittel innerhalb
von nur drei Jahren entspricht. Gleichzeitig stieg
die Menge der pro jungem Patienten verordneten
Menge. Waren es 2006 noch 195 sogenannte Tagesdosierungen,
kamen 2009 schon 213 auf jeden
Betroffenen. Auch die regional unterschiedlichen
Häufigkeiten der Diagnose "Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung" (ADHS) lassen sich
medizinisch nicht erklären: In Rheinland-Pfalz
oder Bremen ist der Anteil solcher Kinder unter
den Mitgliedern der Krankenkasse mehr als doppelt
so hoch als etwa in Brandenburg oder Mecklenburg-
Vorpommern (siehe Tabelle Seite 8).
"ADHS wird vorschnell diagnostiziert und einseitig medikamentös behandelt", schließt Psychotherapeut Lehndorfer aus diesen Zahlen. Wie viele Kinder und Jugendliche in Deutschland allerdings von solchen Fehldiagnosen betroffen sind, vermag niemand seriös zu schätzen. Es gibt keine Untersuchungen darüber. Aus Erfahrung weiß der Fachmann allerdings: "Es wird oft auf eine ausführliche Diagnostik verzichtet. Dafür muss man sich nämlich einige Zeit nehmen und genau beobachten – etwa: Wann haben die Verhaltensauffälligkeiten begonnen? Sind sie in einem Zeitraum von mindestens sechs Monaten in mehreren Lebensbereichen immer wieder aufgetreten?" Schwierigkeiten allein in der Schule reichten für einen sicheren Befund nicht aus. Groß sei auch die Verwechslungsgefahr mit anderen psychischen Erkrankungen. "Depressionen bei jüngeren Kindern können sich ähnlich darstellen", berichtet Lehndorfer und betont: "ADHS ist ein komplexer diagnostischer Begriff."
Aber selbst wenn eine gesicherte Diagnose vorliegt – über die Ursachen sagt sie nichts. Wie auch? Die Forschung ist sich nicht einig. Um das Thema ADHS tobt ein Expertenstreit, fast ein Glaubenskrieg. Es handele sich lediglich um einen organischen Defekt wie das Fehlen eines Botenstoffs im Gehirn, meinen einige. ADHS habe vielfältige genetische, psychische, soziale und umweltbedingte Ursachen, die von frühkindlichen Bindungsstörungen bis hin zu Allergien gegen bestimmte Nahrungsmittel reichen, sagen andere. Entsprechend unterschiedlich fallen die Rezepte dagegen aus: Medikamente, vor allem Methylphenidat-haltige Mittel, hier, Psychotherapien dort.
In der Praxis allerdings sind Mediziner häufig geneigt, die schnelle Antwort zu geben – Pillen.
Lehndorfer wundert das nicht angesichts
des großen Problemdrucks, unter
dem die betroffenen Kinder, ihre
Eltern und auch die Kinderärzte
häufig stehen. "ADHS-Kinder sind
wahnsinnig anstrengend", sagt der
Psychotherapeut.
So bekommen manche Kinder jahrelang Stimulanzien, ohne dass auch nur einmal versucht wird, das Problem psychotherapeutisch anzugehen und womöglich doch zu den Ursachen vorzudringen. Werden die Tabletten dann abgesetzt, beginnen die Probleme von vorne. Welche Risiken birgt ein langjähriger Einsatz von Methylphenidat? "Im Prinzip handelt es sich um eine sehr gut verträgliche Substanz", sagt der Essener Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Johannes Hebebrand. Trotz einer relativ hohen Einnahmerate verzeichneten Ärzte nur vergleichsweise wenige Fälle, bei denen Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit, Übelkeit, Schlaflosigkeit, Wachstumsverzögerungen oder Launigkeit aufträten. "Das Problem ist jedoch", sagt Hebebrand, "dass wir keine gesicherten Langzeituntersuchungen besitzen. Wir wissen zwar aus der Kardiologie, dass Muntermacher den Puls und Blutdruck steigen lassen. Und wir wissen aus Studien mit Erwachsenen auch, dass sich die Erhöhung des Pulses um bereits wenige Pulsschläge pro Minute negativ auf die Lebenserwartung auswirken kann. Theoretisch ist also nicht auszuschließen, dass Kinder, die heute mit Methylphenidat und anderen Stimulanzien behandelt werden, im Alter erhöhte Risiken für bestimmte Krankheitsbilder haben. Bislang hat sich noch niemand die Mühe gemacht und eine Studie finanziert, im Rahmen derer mehrere 1.000 junge Patienten über 30 bis 40 Jahre hinweg diesbezüglich genau beobachtet werden. Nur so ließe sich klären, ob es gering ausgeprägte langfristige Risiken gibt."
Und was ist mit den psychischen Folgen? Laut Bundesärztekammer wird die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind mit ADHS später einmal drogensüchtig wird, durch die Methylphenidat- Behandlung sogar gesenkt. Auch eine ungünstige Persönlichkeitsentwicklung schließt die Bundesärztekammer in solchen Fällen aus. Was aber geschieht mit Kindern und Jugendlichen, die jahrelang Ritalin oder ein ähnliches Mittel aufgrund einer falschen Diagnose verabreicht bekommen? Möglicherweise leiden sie als Erwachsene verstärkt unter Depressionen. Eine Studie der USamerikanischen Harvard Medical School hat jedenfalls diesen Verdacht genährt, ohne allerdings abschließende Beweise liefern zu können.
Die Unkenntnis der langfristigen Folgen der Einnahme von Stimulanzien wie Methylphenidat verbunden mit der ausufernden Verschreibungspraxis hat den Gemeinsamen Bundesausschuss, einem Gremium, das den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen bestimmt, nun dazu bewogen, die Verordnungsfähigkeit einzuschränken. Seitdem gilt:
- "Die Diagnose von ADHS darf sich nicht allein auf das Vorhandensein mehrerer Symptome stützen, sondern sollte auf einer vollständigen Anamnese und Untersuchung des Patienten basieren."
- "Die Arzeimittel dürfen nur von einem Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen verordnet und unter dessen Aufsicht angewendet werden."
- "Zur Prüfung des langfristigen Arzneimittelnutzens für den einzelnen Patienten müssen regelmäßig behandlungsfreie Zeitabschnitte eingelegt werden. Es wird empfohlen, die Arzeimittel mindestens einmal im Jahr abzusetzen, um das Befinden des Kindes zu beurteilen."
"ADHS ist damit keine Domäne der Arzneimitteltherapie mehr", so kommentiert Psychotherapeut Lehndorfer den Beschluss. Grundsätzlich sollte die Behandlung mit einer Psychotherapie beginnen – also zunächst ohne Medikamente. Lehndorfer: "Bei der Diagnose von ADHS reicht es nicht mehr, ein oder zwei Symptome festzustellen und dann zum Rezeptblock zu greifen. Nutzen und Risiken einer medikamentösen Behandlung müssen jetzt sehr viel sorgfältiger beachtet werden."
Ob dies allerdings tatsächlich dazu führen wird, dass in Deutschland weniger Methylphenidat auf den Markt gelangt, ist fraglich. Experten sind skeptisch. Denn Kinderärzten, die weiterhin großzügig mit Ritalin und Co. umgehen, drohen keinerlei Sanktionen. Darüber hinaus, so räumt Lehndorfer ein, gibt es vielerorts gar nicht genügend Therapiemöglichkeiten. Im Durchschnitt warten Eltern drei Monate, bis sie mit ihrem Kind einen ersten Termin bei einem Psychotherapeuten bekommen, und weitere drei Monate, bis die Behandlung dann beginnen kann. Zu lang, vor allem in schweren Fällen – so dass der Druck auf Kinderärzte weiterhin hoch sein wird, ADHS-Medikamente zu verschreiben.
Weitere Unbekannte: die Entwicklung des Schwarzmarktes. Mittel wie Ritalin werden auch zum Hirndoping missbraucht. "Wir wissen nicht, ob es dabei eine Zunahme gibt", sagt Prof. Dr. Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz und Autor eines Buches zum Thema ("Hirndoping: Warum wir nicht alles schlucken sollten"). Dass allerdings die Bereitschaft unter Schülern und Studenten hoch ist, ihrem geistigen Leistwungsvermögen durch Einnahme von Pillen auf die Sprünge zu helfen, hat Lieb durch Umfragen herausgefunden.
Bis zu einem Fünftel der Studierenden, so lautet das Ergebnis der jüngsten Erhebung mit rund 3.000 Befragten, hat sogar bereits Erfahrungen mit vermeintlich leistungssteigernden Stoffen gemacht. Gefragt worden waren die jungen Menschen nach der Einnahme von zumindest apothekenpflichtigen Mitteln, wozu Koffeintabletten zählen, aber eben auch das verschreibungspflichtige Ritalin und illegale Substanzen wie Amphetamin.
"Das Problem dieser aktuellen, völlig anonymen Umfrage ist, dass wir nicht genau sagen können, welche Substanzen genommen werden", erklärt Lieb. "Wir wissen aber, dass häufiger konsumiert wird, als in früheren Befragungen herauskam, bei denen die Anonymität nicht zu 100 Prozent sichergestellt war. Wir wissen auch, dass der Konsum in bestimmten Zirkeln stattfindet." In Kreisen, in denen ohnehin eine Neigung zum Drogen- oder Alkoholmissbrauch besteht, ist auch Hirndoping weiter verbreitet. Und: Schlechte Schüler und Studenten sind deutlich gefährdeter als gute. Lieb: "Der Druck auf die Schwächeren ist groß. Also versuchen manche, mit chemischen Substanzen das Letzte aus der Zitrone herauszuquetschen."
Auch unter den Eltern fehlt es mitunter an Problembewusstsein. "Erleben Sie in Ihrer klinischen Praxis, dass verstärkt um verschreibungspflichtige Aufputschmitteln für die Schule gebeten wird?", so fragen wir den Kinder- und Jugendpsychiater Hebebrand. Seine Antwort: "Sagen wir es mal so: Es gibt durchaus vereinzelte gutsituierte Eltern, die nach erfolgreicher ADHS-Therapie ihrem Kind weiterhin Ritalin verschreiben lassen wollen. Sie befürchten nämlich, dass ihr Kind nach dem Absetzen des Medikaments in der Schule im Schnitt um eine Note abrutschen wird."
ANDREJ PRIBOSCHEK/MARC RASCHKE
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