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Deutsch in jedem Fach

Sprachförderung ist eine Aufgabe für alle Lehrkräfte

Mehrsprachig aufwachsende Kinder und Jugendliche brauchen eine besondere Förderung in der deutschen Sprache. Das ist nicht nur eine Aufgabe für den Deutschunterricht, sondern für alle Fächer. Deshalb brauchen alle Fachlehrerinnen und Fachlehrer Kompetenzen in der Zweitsprachendidaktik und -methodik.

Von Christiane Bainski

Deutschförderung:

Die nachwachsende Generation in Nordrhein-Westfalen setzt sich aus einhundertneunzig verschiedenen Herkunftsnationalitäten zusammen und spricht über einhundert verschiedene Sprachen. In allen Städten des Landes mit mehr als einhunderttausend Einwohnern beträgt der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte unter zwanzig Jahren fünfzig Prozent und mehr. Im Landesdurchschnitt liegt er bei den unter Sechsjährigen bei achtunddreißig Prozent. Diese wenigen Fakten belegen: Die Zukunft der Schule in Nordrhein-Westfalen ist interkulturell.

Fast jede Lehrkraft in Nordrhein-Westfalen unterrichtet bereits in Lerngruppen mit Schülerinnen und Schülern verschiedener Erst- oder Familiensprachen und unterschiedlichen Vorkenntnissen in der deutschen Sprache. Dies wird in der Zukunft eher zunehmen, zumal sich – nicht nur in Deutschland – zeigt, dass die Herkunftssprachen der Zuwanderer auch in der dritten und vierten Generation durchaus vital bleiben und einen wesentlichen Faktor der Identitätsbildung und überregionalen familiären Kommunikation darstellen.

Weder von der Ausbildung der Lehrkräfte noch von der Unterrichts- und Schulentwicklung her ist das Schulsystem angemessen darauf vorbereitet, den Bedürfnissen einer sozial, sprachlich, kulturell und leistungsmäßig heterogenen Schülerschaft gerecht zu werden.

Im Bereich der Methodenkompetenz stellt die Kompetenz der Vermittlung von Deutsch als Zweitsprache (DaZ) eine zentrale Qualifikation dar. Zumindest Grundkenntnisse in der Zweitsprachendidaktik und -methodik sind ein Rüstzeug, über das Lehrerinnen und Lehrer aller Schulformen und Fächer verfügen müssen. Das betrifft vor allem Kenntnisse darüber, wie Schülerinnen und Schüler systematisch von der mündlichen Kompetenz zur schriftlichen Kompetenz hingeführt werden können.

Auch die Fachsprache ist ein Medium des Sprachenlernens

Aus der internationalen Spracherwerbsforschung ist bekannt: Zwei- und mehrsprachig aufwachsende Kinder brauchen eine andere Unterstützung und einen anderen Sprach(en)lernunterricht als Einsprachige. Der Erwerb einer zweiten (und dritten …) Sprache erfolgt in einem Wechselverhältnis zwischen diesen Sprachen. Dieser Lernprozess findet über mehrere Lernstufen – von der frühkindlichen Sprachentwicklung bis in das Alter der Abstraktionsentwicklung, von der mündlichen Sprachaneignung über die Alphabetisierung und Ausbau von Schriftlichkeit – hinweg statt. Die spezifischen Sprachlern- und -entwicklungsaspekte der verschiedenen Lernstufen brauchen zum Zeitpunkt ihrer Einführung eine entsprechende Unterstützung, damit die Schülerinnen und Schüler die Unterrichtssprache in mündlicher und schriftlicher Form erlernen können. Voraussetzung schulischer Erfolge bei zwei- und mehrsprachig aufwachsenden Kindern sind vor allem zwei Faktoren: Koordinierung zwischen Regel- und Förderunterricht und Langfristigkeit von Förderung (in den anglo-amerikanischen Studien werden in der Regel fünf Jahre als Minimum, eher jedoch sieben Jahre und mehr für das Erreichen der gleichen Kompetenz mit Erstsprachlern vorausgesetzt).

Auch ist bekannt, dass eine gestützte Bilingualität oder Mehrsprachigkeit durchaus ihre Vorteile hat und ein Potential darstellt. In beiden Sprachen unterrichtete Kinder zeigen meist bessere Leistungen in den metasprachlichen und kognitiven Kompetenzen. Im Gegensatz dazu wirken sich eine Marginalisierung und Stigmatisierung der Familiensprachen in der Regel negativ auf das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl der Kinder aus, was wiederum die Lernmotivation und -fähigkeit negativ beeinflusst.

Das Erlernen der Zweitsprache muss als allgemeines Unterrichtsprinzip in den Regelunterricht integriert werden. Auch im Fachunterricht ist zu bedenken, dass die jeweilige Fachsprache ein Medium des Sprachenlernens ist. Die Sprachförderung kann dann orientiert an fachlichen Inhalten (content based language learning) geleistet werden. Sprachsensibilität muss auch im Fachunterricht verankert werden.

In einem Unterricht, der den Prinzipien der Zweitsprachendidaktik und -methodik folgt, müssen zunächst die sprachlichen Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler analysiert werden, bevor auf diese eingegangen und darauf aufgebaut werden kann. Dazu bedarf es eines Grundwissens der Lehrerinnen und Lehrer darüber, wie sich Kontraste zwischen der deutschen Sprache und anderen Sprachen im Lernprozess (z. B. als Fehlerquelle) auswirken können. Dies ist eine wesentliche Voraussetzung für eine Fehlerkorrektur, die den Schülerinnen und Schülern wirklich hilft und nicht zu weiteren Irritationen führt. Letztlich kann dies auch zu einer angemesseneren Einschätzung der fachlichen Leistungen führen.

Das Erlernen einer Sprache findet hochgradig regelgeleitet statt. Der Unterricht, der auf die Förderung der Zweitsprache angelegt ist, muss bei den zu erlernenden Inhalten auch sprachliche Regeln und Grammatik mit einbeziehen. Viele Lehrerinnen und Lehrer überschätzen aufgrund von mündlicher Kompetenz der Lernenden deren Fähigkeit, sich schriftlich korrekt auszudrücken. Lehrkräfte mit DaZ-Kompetenz kennen diese „Bruchstellen“ (z. B. Interferenzen mit den Herkunftssprachen in Schreibweise, Satzstruktur) und wissen, wie sie Schülerinnen und Schüler bei der Entwicklung von Schriftlichkeit gezielt unterstützen können.

Eine gute Schule mit heterogener Schülerschaft braucht Lehrkräfte, die über Kompetenzen im Bereich der Zweitsprachendidaktik und -methodik verfügen. Und sie benötigt ein Sprachförderkonzept, das den wertschätzenden Umgang mit den Familiensprachen mit einbezieht. Wo möglich sollte der Unterricht in den Herkunftssprachen gefördert und in kooperierender Weise mit dem Sprachförderunterricht Deutsch und dem Fachunterricht verbunden werden. Der (offene) Ganztag ist da nur eine Möglichkeit, Angebote zur Entwicklung von Literalität und Leseförderung besser aufeinander zu beziehen. Die Landesregierung hat daraus bereits erste Konsequenzen gezogen und führt ein Modul für DaZ in die zweite Ausbildungsphase ein.

Christiane Bainski Christiane Bainski ist Leiterin der Regionalen Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien in Nordrhein-Westfalen.

Sprachförderung in Nordrhein-Westfalen

Im Schuljahr 2007/08 wurden bereits zum zweiten Mal landesweite Sprachstandsfeststellungen durchgeführt. Die Tests, die zwei Jahre vor der Einschulung stattfinden, sollen zeigen, wie gut Kinder im Alter von vier Jahren die deutsche Sprache beherrschen, und deutlich machen, dass das frühzeitige Erlernen des Deutschen eine zentrale Voraussetzug für den Schulerfolg ist. Kinder mit einer nicht altersangemessenen Sprachkompetenz erhalten bis zur Einschulung eine Sprachförderung. In diesem Jahr haben rund 178.000 Kinder an dem Verfahren teilgenommen.

Zur Stärkung der Mehrsprachigkeit und zur Pflege kultureller Wurzeln wird derzeit in 19 Sprachen Unterricht in der Herkunftssprache angeboten. 95.000 Schülerinnen und Schüler nehmen zurzeit daran teil. Mit ca. 66.000 Schülerinnen und Schülern an 1.020 Schulen wird der Unterricht in Türkisch am häufigsten gewählt. Insgesamt 4.000 Lerngruppen sind dafür eingerichtet.

Darüber hinaus wird Türkisch an weiterführenden Schulen auch als Fremdsprache angeboten. Der Unterricht wird zurzeit für etwa 7.000 Schülerinnen und Schüler an 21 Schulen angeboten. Türkisch kann auch im Abitur gewählt werden. Darüber hinaus sollen an den Hauptschulen des Landes Türkisch und Russisch als zweite Fremdsprache neben Englisch eingerichtet werden. Im Rahmen des Unterrichts in der Herkunftssprache erworbene Sprachkenntnisse können dann berücksichtigt und anerkannt werden.

Deutsch als Zweitsprache

Schülerinnen und Schüler mit nichtdeutscher Herkunftssprache benötigen in allen Fächern eine bessere Förderung in Deutsch. Hier sind einige Tipps für den Unterricht zur Förderung von Deutsch als Zweitsprache.

  • Auf die eigene Sprache achten, denn Lehrer sind sprachliche Vorbilder.
  • Unterrichtsinhalte und Unterrichtsmaterial sprachlich analysieren, in eine erlernbare Form bringen und klare Anforderungen formulieren.
  • Lerngegenstände an realen Problemen handlungsorientiert ausrichten und kognitiv anspruchsvolle Inhalte wählen, denn dies motiviert mehr als ständiges Arbeiten mit langweiligen und wenig lebensbezogenen Inhalten.
  • Den Unterricht nicht ausschließlich auf vereinfachte und entlastende Texte und Sprachmuster stützten, das führt weder zu besseren Kompetenzen in der Zweitsprache, noch kann er den Anschluss an die fachlichen Anforderungen des Unterrichts sichern.
  • Das Erlernen einer Sprache erfolgt regelgeleitet, deshalb sollten zu erlernende Inhalte mit sprachlichen Regeln und Grammatik verbunden werden.
  • Im Unterricht auf den sprachlichen Voraussetzungen der Schüler aufbauen, dabei Kontraste zwischen der deutschen und anderen Sprachen beachten.
  • Den ungesteuerten Spracherwerb berücksichtigen: In welchem Rahmen wird in der Freizeit neben der Familiensprache auch Deutsch gesprochen? In welchen Alltagssituationen werden Schüler mit Deutsch konfrontiert und welche sprachlichen Muster spielen dabei eine Rolle?
  • Im Unterricht auf didaktisch-methodische Vielfalt achten und dabei die Balance zwischen lehrergesteuerter Instruktion und schülerorientierten Lernfreiräumen wahren.

Literatur

Handbuch SprachfoerderungDer Sammelband bietet einen Überblick über aktuelle Strategien und Methoden der Sprachförderung. Christiane Bainski, Marianne Krüger-Potratz (Hg.): Handbuch Sprachförderung. Essen: Neue Deutsche Schule Verlagsgesellschaft, 2008, 159 Seiten, 24,80 Euro

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