forum schule Magazin für Lehrerinnen und Lehrer, 2/2004
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Mathe und Physik für morgen

Warum Schülerinnen und Schüler nicht mit den Weltbildern des vorletzten Jahrhunderts ins einundzwanzigste geschickt werden sollten

Von Timo Leuders


In Praktischer Philosophie wird heftig diskutiert: Ein Schüler beschreibt seine Sicht der Dinge so: "Es ist sowieso schon alles festgelegt; wir können uns gar nicht mehr entscheiden, da sind die Atome und Elektronen in unseren Gehirnen und überhaupt überall und die gehorchen den physikalischen Gesetzen und wenn wir die erst einmal genauer kennen, dann können wir genau vorhersagen, was passieren wird."

"Alles Quatsch", erwidert eine andere Schülerin befremdet. "Dann würde das Leben ja gar keinen Sinn mehr machen. Ich könnte dann einfach jemanden umbringen und behaupten, dass ich ja gar nicht anders konnte. Die Elektronen und die physikalischen Gesetze haben mich einfach dazu gezwungen."

Ein solcher Disput findet immer wieder statt, ob im Unterricht oder auf nächtlichen Sofafeten. Das Thema hat junge Menschen immer schon fasziniert; darüber nachzudenken, ist ein wichtiger Schritt in ihrer Entwicklung. Wer ihn überspringt, hat etwas verpasst.

Als Lehrerin bzw. Lehrer sind wir hier gespalten: Einerseits ist es erfreulich, wenn Schülerinnen und Schüler engagiert diskutieren, anderseits haben wir das Gefühl, dass wir nur begrenzt helfen können. Geht es hier doch um individuelle Überzeugungen und allenfalls um die Pflege einer Argumentations- oder Reflexionskultur. Oder geht es doch um mehr?

Lässt sich die Frage nach der Vorherbestimmtheit unserer Welt und unseres Lebens wirklich nicht klären? Gibt es hier zwar viele Positionen, aber keine Wahrheit? Was sollen wir dem Argument mit den physikalischen Gesetzen entgegnen: Hat uns die Physik letztlich im Griff oder nicht? Dürfen wir dies nur deswegen nicht akzeptieren, weil die Konsequenzen ethisch nicht vertretbar sind? Wie viel kann die Physik eigentlich vorausberechnen? Oder gibt es doch etwas jenseits dessen, was uns die Naturwissenschaften eines Tages erklären können und das uns unsere menschliche Würde lässt? Dürfen wir Schülerinnen und Schülern diese Weltsicht "vermitteln" oder sollten wir uns heraushalten?

Die weltanschauliche Kluft, die zwischen vielen Schülerinnen und Schülern aufreißt, ist mehr als nur ein Aufeinanderprallen verschiedener Lebensgefühle und Mentalitäten, es ist eine Kluft, die durch unsere gesamte Gesellschaft geht. Sie bildet sich noch deutlicher ab in dem tiefen Riss, der durch unsere heutigen Wissenschaften geht. Der Naturwissenschaftler und Romancier C.P. Snow sprach schon von den "zwei Kulturen", den Naturwissenschaften auf der einen und den Geisteswissenschaften auf der anderen Seite. Beide Seiten haben sich so weit auseinander entwickelt, dass sie keine gemeinsame Sprache mehr hätten, in der sie miteinander kommunizieren könnten.

Diese Aufspaltung der Wissenschaften und der Gesellschaft bereitet sich in unseren Schulen sorgsam vor. Fächerübergreifendes Arbeiten zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften ist in der gymnasialen Oberstufe genauso Exot wie echte transdisziplinäre Forschung an den Hochschulen. Es ist jedoch auch nicht zu leugnen, dass es viele gute Beispiele gibt, wie etwa die Religionslehrerin, die sich mit dem Physiklehrer verbündet (hier muss nichts bemäntelt werden, wenn die Geschlechter so herum gewählt werden). Beide moderieren gemeinsam einen regelmäßigen Diskussionskreis mit Schülerinnen und Schülern, die endlich wissen wollen "was Sache" ist.

Welche aktuellen Erkenntnisse können für eine solche Diskussion relevant sein? Was können Naturwissenschaften und Mathematik zu unserem heutigen Weltbild beitragen? Spielt ausgerechnet die Mathematik hier überhaupt eine Rolle? Zu einem Studium, ob nun einer Natur- oder einer Geisteswissenschaft, gehören auch Grundkenntnisse in Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie. Diese führen aber eine Randexistenz in der Lehrerausbildung und folglich auch in unseren Schulen. Die Reflexion der naturwissenschaftlichen Fächer über ihre eigenen Erkenntniswege und Erkenntnisgrenzen sind ein Stiefkind. Und was noch schlimmer wiegt: Mathematik und Naturwissenschaften, so wie sie in der Schule erscheinen, sind im 20. Jahrhundert stecken geblieben.

Wie also sehen die aktuellen Weltbilder und erkenntnistheoretischen Positionen in Mathematik und in den Naturwissenschaften aus? Und vor allem: Wie können sie in den Schulunterricht eingehen und Schülerinnen und Schülern beim Aufbau ihrer Weltbilder helfen?

Hat die Physik uns als Menschen etwas zu sagen?

Die Physik nimmt unter den Naturwissenschaften zweifelsohne eine besondere Position ein. Sie fragt nach den Grundlagen, den größten und kleinsten Dingen, sie will erkunden, "was die Welt im Innersten zusammenhält." Bei dieser Suche hat sie in den letzten Jahrhunderten mächtige Werkzeuge entwickelt. Die augenscheinlichsten dieser Werkzeuge sind sicherlich die großen Apparate, die kilometerlangen Beschleuniger, die submikroskopische Teilchen aufeinander hetzen, ebenso wie die gigantischen Teleskope, die ihre Augen und Ohren in die unermessliche Tiefe des Raumes ausstrecken.

Weniger offensichtlich aber mindestens so mächtig ist das Werkzeug, mit dem Physiker ihre Erkenntnisse erfassen: die Mathematik. Sie hat sich so sehr Hand in Hand mit der Physik entwickelt, dass keine physikalische Theorie mehr akzeptabel ist, die sich nicht der mathematischen Beschreibung bedient. Dies drückt sich in Galileos Überzeugung aus, nach der das Buch der Natur mit den Worten der Mathematik geschrieben sei. Er hat diese Sicht bis heute an alle Naturwissenschaftler - zumindest an die Physiker - weiter gereicht. In dieser Überzeugung steckt sogar noch mehr, nämlich dass eine physikalische Theorie dann besonders schlüssig und akzeptabel ist, wenn sie sich mathematisch besonders schlüssig und ohne theoretische Verrenkungen formulieren lässt.

Tatsächlich wurden vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts viele Entdeckungen gemacht, nachdem eine solche mathematische Beschreibung vorhergesagt hatte, dass sie existieren würden. Das gilt für Antiteilchen ebenso wie für schwarze Löcher. In der zweiten Jahrhunderthälfte wurde die Mathematik komplizierter und die Phänomene wurden komplexer, im Prinzip wirkt das mathematisch-ästhetische Argument jedoch weiter fort. Dies geht sogar so weit, dass kosmologische Theorien über Entstehung und Aufbau unseres Universums vorgestellt werden, die nach heutigem Ermessen niemals experimentell überprüft werden können. Sie werden jedoch ernsthaft diskutiert, weil sie aufgrund ihrer ästhetischen Geschlossenheit Erkenntniswert haben.

Noch ein drittes ungemein starkes Werkzeug hat die moderne Naturwissenschaft entwickelt, und das ist ihre Art und Weise, Erkenntnisse zu gewinnen. Wenn wir Schülerinnen und Schüler danach fragen, wie sie sich naturwissenschaftliche Erkenntnisgewinnung vorstellen, so bekommen wir oft Antworten wie diese zu hören: "Durch intensive Naturbeobachtung gewinnt man allgemeine Gesetzmäßigkeiten." Diesen naiv-induktiven Weg hat jedoch schon Galilei überwunden. Er entwand der Natur ihre Gesetze, indem er Fragen an sie stellte, sie auf die Folterbank spannte. Diese Folterbank ist das Experiment, bei dem nach Möglichkeit alle störenden Rahmenbedingungen ausgeschaltet werden.

Solche erkenntnistheoretischen Überlegungen - die ja immerhin schon einige hundert Jahre alt sind - finden im Physikunterricht der Oberstufe durchaus statt. Allerdings nur dort, wo Schülerinnen und Schüler selbst nach Gesetzen suchen dürfen, wo sie sich den Weg von den "schmutzigen" Phänomenen, etwa dem Rollen eines Fahrrades, zu den Hypothesen und Experimenten selbst den Weg bahnen können. "Fertigphysik", bei der die Theorie schon in den säuberlich vorgedachten Demonstrationsexperimenten steckt, vermag nur dazu beizutragen, dass sich ein falsches Physikbild festsetzt, bei dem unsere täglich zu beobachtende Umwelt mit den Phänomenen aus dem Physikunterricht in keiner Beziehung steht.

Soweit zum physikalischen Weltbild des vorletzten Jahrhunderts. Ist denn seitdem noch etwas hinzugekommen? Ist nicht einfach nur der Bereich, der mit den Methoden der modernen Physik untersucht wurde, stetig breiter geworden und die Messwerkzeuge feiner? Diesen Eindruck haben vor allem die Schülerinnen und Schüler, die einen unerschütterlichen Glauben an "die physikalischen Gesetze" entwickelt haben.

Andere Schülerinnen und Schüler wollen nicht so recht an "Quarks" und "relativistische Zeitverlangsamung" glauben. Schließlich haben sie so etwas noch nie gesehen. Sie sind aber durchaus bereit, an Elektronen zu glauben, aber wohl nicht, weil sie Evidenzen hierfür anführen könnten, sondern, weil sie in der Schule und in den Medien diese Begriffe so gehört haben, dass sie sich etwas darunter vorstellen können.

Woher wissen wir aber, dass es Elektronen gibt? Dieselben Schülerinnen und Schüler werden sehr skeptisch, wenn sie erfahren, dass nie jemand ein Elektron gesehen hat und auch nie wird sehen können. Gänzlich erschüttert sind sie in ihrem Glauben an die Existenz physikalischer Objekte, wenn ihnen berichtet wird, dass die moderne Physik annimmt, dass Elektronen einen Durchmesser Null haben, sozusagen winzige schwarze Löcher sind. Wenn Elektronen dann aber auch noch gleichzeitig auf zwei verschiedenen Wegen gleichzeitig von einem Ort A nach B gehen können sollen und sich dabei auslöschen, ist der Glaube an die Elektronen, die in der Unterstufe noch als nette kleine Kerlchen mit Füßchen und Gesichtern durch Drähte huschten, gänzlich erschüttert.

Was ihnen fehlt, ist ein Verständnis für den besonderen Charakter physikalischer Objekte. Wenn wir die Welt physikalisch sehen und mathematisch beschreiben, so sind das nur Modelle mit einer beschränkten Reichweite und Aussagekraft. Kein Modell ist für sich wahr und keines kann "bewiesen" werden. Der kritische Rationalismus, um den uns Karl Popper bereicherte, ist eine wesentliche kritische Grundhaltung aller modernen Wissenschaft. Er lässt uns bescheidener sein in unserem Zugriff auf die "Wirklichkeit". Wer ihn beherzigt, geht nicht davon aus, endgültige Wahrheiten zu finden, sondern stellt allenfalls Behauptungen auf, die falsifizierbar, d.h. experimentell widerlegbar sind. Zur wissenschaftlichen Tätigkeit gehört dann, alles Denkbare zu tun und die eigenen Vermutungen auf die Probe zu stellen.

Das hat natürlich Konsequenzen für unser Bild von der Wirklichkeit: Es ist nicht mehr als ein Modell. Zu der "wirklichen Wirklichkeit" können wir mit unseren Sinnen nicht vordringen. Und auch den Naturwissenschaften ist es schon von ihrer Anlage her prinzipiell nicht möglich, die Wirklichkeit abzubilden. Wie weit aber sind wir in der Schule von dieser Auffassung entfernt, in wie vielen Schülerköpfen spukt das Bild einer Naturwissenschaft, die sich zutraut, letztlich die gesamte Natur verstehbar zu machen. Das Programm des naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinns bleibt nur zu oft unreflektiert. Was übrig bleibt, ist ein naiv-positivistisches Wissenschaftsbild, das oft genug einhergeht mit einer Überschätzung der Reichweite der Naturwissenschaften - oder mit ihrer weitgehenden Ausblendung aus dem subjektiven Interessenbereich.

Beide konträre Positionen sind jedoch falsch - die eine in ihrer Überschätzung naturwissenschaftlicher Erklärungsmodelle, die andere in ihrer verständlichen aber vorschnellen Ablehnung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse für das Weltbild und Leben des Individuums.

Was vielen Schülerinnen und Schülern verschlossen bleibt, ist, dass das naturwissenschaftliche Forschungsprinzip inzwischen seit einem halben Jahrhundert auch in viele traditionelle Geistes- und Gesellschaftswissenschaften Einzug gehalten hat. Beispiel Erziehungswissenschaft: Experimentelle Designs und statistische Verfahren sind seit langem Bestandteil des Studiums.

Viele Schülerinnen und Schüler, die sich mit der naturwissenschaftlichen Denkwelt identifizieren, bleiben bei einem mechanistischen Weltbild stehen. Für sie besteht die Welt aus einem Räderwerk von Ursache und Wirkung, das im Prinzip aufgeklärt werden kann. Sie haben sich ganz auf die naturwissenschaftliche Seite der zwei Welten geschlagen.

Damit aber verharren sie bei einem naturwissenschaftlichen Weltbild, wie es noch gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts vorherrschend war. Die technische Revolution schritt unaufhörlich fort, das Machbare schien das Unmögliche zu überrunden und in der Forschung waren "im Prinzip alle Probleme gelöst oder standen kurz vor der Lösung". Mit dieser Feststellung wurde dem jungen Max Planck abgeraten, Physik zu studieren. Ausgerechnet dieser aber gehörte zu den Mitbegründern einer neuen Physik, die mechanistische Alltagsvorstellungen gründlich zum Wanken brachte: der Quantenmechanik.

Selbstverständlich ist die Quantenmechanik in den naturwissenschaftlichen Lehrplänen verankert. Ihre erkenntnistheoretischen Konsequenzen aber (z.B. hinsichtlich der Frage der Determiniertheit der physikalischen Welt) sind kaum Thema des Unterrichts. Meist endet hier die "gefühlte Zuständigkeit" des Naturwissenschaftslehrers. Er vermittelt die positiven "Ergebnisse" und nicht deren (bis heute) umstrittenen offenen Deutungen und problematischen Konsequenzen. So bleibt die Quantenmechanik ein in sich abgeschlossenes Gebiet des Physikunterrichts.

Ist die Mathematik eine Welt der Seligen?

Was hat die Mathematik an dieser Stelle zu suchen? Ist das mathematische Gedankengut nicht gänzlich losgelöst von den täglichen Dingen und der Interpretation unserer Welt? Bringt die Mathematik nicht vermöge objektiver Logik unverbrüchliche Wahrheiten hervor, die auf ewig gelten? Kann es folglich in der Mathematik überhaupt Revolutionen geben, noch dazu solche, die unser Bild von der Welt verändern?

Im Schulunterricht erfahren wir jedenfalls wenig davon. Im schlimmsten Falle erfahren wir Mathematik als eine Sammlung von Verfahren und Rezepten, denen wir folgen müssen, um Probleme zu lösen, die nicht die eigenen sind. Im besten Falle können wir als Schülerinnen und Schüler im Mathematikunterricht eigene Entdeckungen machen, Vermutungen aufstellen und sie begründen, können reale Probleme mit Mathematik modellieren und so erfahren, wie die Mathematik ein mächtiges Werkzeug sein kann, um unsere Umwelt zu verstehen. Der Physiker und Mathematiker Eugene Wigner sprach einmal von der "unvernünftigen Nützlichkeit der Mathematik". In der Tat: Wieso sollte ein reines Produkt unseres Geistes in der Lage sein, so viele Dinge in der Welt sinnvoll zu beschreiben - von den Bewegungen der Elektronen in der Bildröhre unseres Fernsehers bis zur Populationsentwicklung von Hasen und Luchsen, von der Zusammensetzung der Atome bis zur Rotation der Galaxien?

Die Mehrheit der Mathematiker heute deutet dies so: Die Welt und unser Geist bestehen aus Mustern - ob nun Muster in den Formen, in den Zahlen oder in den zeitlichen Abfolgen. Und die Mathematik ist eben die Wissenschaft von den Mustern, welcher Form auch immer.* Genau diese Auffassung, dass es in der Mathematik darum geht, Muster zu erkunden, Zusammenhänge zu finden und zu begründen, ist auch Grundlage einer modernen Auffassung von den Zielen und Zwecken des Mathematikunterrichts. So wird Mathematik zur Spielwiese für das Entdecken und für das Problemlösen.

Dieses Bild hat sich allerdings bei weitem noch nicht durchgesetzt. Bei Befragungen von Schülerinnen und Schülern ergibt sich immer wieder dasselbe Bild: Die Mehrheit bekennt: Mathematik ist das Anwenden von gelernten Regeln. Dieses Bild von der Mathematik ist u.a. auch auf die Form ihrer Präsentation zurückzuführen. Mathematik wird "vermittelt" als fest gefügtes Gebäude von Tatsachen, die es zu memorieren und in bestimmten Situationen anzuwenden gilt. Hier wird löffelweise "fertige Mathematik" verabreicht, statt "Mathematik im Entstehen" in den Mittelpunkt zu stellen, wie der niederländische Didaktiker Hans Freudenthal forderte.

Die Mathematik macht im Unterricht sozusagen "Kopfstand". Zuerst kommen die fertigen Begriffe, zuerst wird mitgeteilt, was eine Funktion oder ein Vektorraum sei, dabei haben diese Begriffe einige Jahrhunderte gebraucht, um sich an Beispielen und in Anwendungssituationen zu entwickeln. Diese Gelegenheit müssen auch Schülerinnen und Schüler haben, sonst bleibt von dem Gelernten nach Jahren nur der Dreisatz und ein schaler Nachgeschmack.

Es geht sozusagen um den Bildungswert der Mathematik als Denkprozess. Wo aber sind die Inhalte der Mathematik des 20. Jahrhunderts, die in den Unterricht eingehen könnten und sollten? Sind sie vielleicht einfach zu schwierig, gar nicht mitteilbar? Die Infinitesimalrechnung, das Differenzieren und Integrieren, gleichsam der Höhepunkt eines Oberstufenkurses, sind bereits über 200 Jahre alt, ihre "moderne" Formulierung hat auch schon ein Jahrhundert auf dem Buckel. Mehr Mut macht da die angewandte Mathematik, von der in der Schule vor allem die Stochastik (leider nur sehr langsam) zunehmendes Interesse findet. Dabei gehören Methoden der Beurteilung von Stichproben zum modernen Repertoire aller empirisch arbeitenden Wissenschaften.

Wo aber sind nun die Revolutionen und Erschütterungen der Weltbilder? Hier haben die Entwicklungen der Mathematik weit weniger öffentliches Interesse hervorgerufen als beispielsweise die Physik, etwa mit den Theorien Einsteins. Dennoch rütteln diese mathematischen Erkenntnisse an den Fundamenten der Mathematik. Anfang des 20. Jahrhunderts hat der letzte große Universalmathematiker David Hilbert ein Programm aufgestellt, dessen Ziel die Begründung der gesamten Mathematik aus wenigen Grundpostulaten, so genannten Axiomen (z.B. über die Eigenschaften der Zahlen 1, 2, 3...) ist. Dieser Ansatz gilt heute noch als das fundamentale Prinzip moderner Mathematik: Das Aufstellen gewisser Grundforderungen und das konsequente Aufbauen eines Systems von Folgerungen.

Der Philosoph Bertrand Russell und sein Kollege Alfred Whitehead haben sich auch fleißig daran gemacht, bis ein junger Logiker namens Kurt Gödel auf streng mathematische Weise nachwies, dass kein mathematisches System, egal auf welche Grundannahmen auch immer es aufgebaut wird, sicher steht. Entweder es produziert Widersprüche, also Aussagen von denen auch gleichzeitig ihr Gegenteil gilt, oder aber es gibt mathematische Aussagen, die weder wahr noch falsch sind. Seitdem muss jeder Mathematiker zugeben, dass das Gebäude der Mathematik auf wackligen Füßen steht. Hilberts Worte "Wir müssen wissen, wir werden wissen..." klingen vor diesem Hintergrund wie ein verzweifelter Abgesang auf einen verloren gegangenen Optimismus.

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Mathematiker sich nach den "Rückschlägen" für einen streng axiomatischen Aufbau der Mathematik neu orientiert hat. Eine der durchaus gängigen Interpretationen mathematischen Fortschrittes ist, dass mathematische Erkenntnisse durchaus den Charakter sozialer Konstruktionen haben, die im Austausch zwischen Personen und Gruppen entstehen. Demnach gibt es nicht eine Ideenwelt, deren Gesetze es nur zu entdecken gilt, mathematische Objekte werden vielmehr von Menschen erfunden.

Diese unterschiedlichen Auffassungen lassen sich auch in der Schule thematisieren, z.B. anhand der Frage, ob es etwa Brüche gibt oder ob sie eine Erfindung von Menschen sind. Wie könnten wir einen Außerirdischen etwa davon überzeugen, dass es so etwas gibt wie eine Zahl, deren Quadrat 2 ist. Eine Lösung zu solchen Fragen hat die Mathematik nicht, aber das Nachdenken darüber ist ein wichtiger Bestandteil der Reflexion über den nur scheinbar selbstverständlichen Charakter der Objekte, mit denen wir uns im Mathematikunterricht täglich beschäftigen.

Weltbilder, Wissenschaftstheorie und Schule - wie verträgt sich das?

Ist die Forderung nach mehr und expliziterer Berücksichtigung von wissenschaftstheoretischen und erkenntnistheoretischen Bestandteilen im mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht nicht überzogen? Sollten wir nicht froh sein, wenn unsere Schülerinnen und Schüler erst einmal "die Fakten" lernen? Sind sie zu solchen Reflexionen überhaupt in der Lage?

Wir würden unsere Schülerinnen nicht nur maßlos unterschätzen, sondern eine Unkenntnis der Interessen und Mentalitäten vieler Jugendlicher bezeugen, wenn wir einem solchen Skeptizismus nachgäben und uns auf das Lehren von Lehrbuchinhalten beschränkten. Haben wir denn unsere eigene Jugend schon vergessen?

Viele Schülerinnen und Schüler interessieren sich für die "tiefen Fragen" des Lebens. Sie hypothetisieren, generieren universelle Theorien, fantasieren, spekulieren, saugen metaphysische Ideen auf und verarbeiten sie. Die Schule kann ein geradezu idealer Nährboden für solche intellektuellen Pflanzen sein. Lehrerinnen und Lehrer sind Teil einer interdisziplinären Gemeinschaft, wie es sie nirgends anders in so breiter Vielfalt gibt. Wenn sie die Klassentüren hinter sich schließen und den Tag sorgsam in Unterrichtsstunden nach Naturwissenschafts- und Geisteswissenschaftsstunden unterteilen, besteht die Gefahr, dass auch Schülerinnen und Schüler hier keine Zusammenhänge sehen. Sie wenden sich einer von ihnen favorisierten Sichtweise zu und schotten sich weltanschaulich gegen andere Richtungen ab - die Spaltung in zwei Kulturen wird perpetuiert.

Wenn sich aber Lehrerinnen und Lehrer der verschiedenen Richtungen zusammentun und gemeinsam auf Fragen der Qualität und des Wesens von Erkenntnissen und der unterschiedlichen Wege zu ihnen einlassen, wenn sie ihre unterschiedlichen Horizonte zusammenfließen lassen, können Schülerinnen und Schüler nur davon profitieren.

Der naturwissenschaftliche Unterricht tritt an mit der Absicht, Rationalität in die Welt zu bringen. Wenn er seine Grenzen nicht reflektiert, wenn seine Botschaften zu positivistisch und dogmatisch sind, läuft er Gefahr, bei vielen Schülerinnen und Schülern wirkungslos zu verhallen. Oft wird beklagt, dass sich die Esoterik auf dem Vormarsch befinde. Ein Zehntel der Schülerinnen und Schüler einer befragten Jahrgangsstufe glaubt an Horoskope, ein Viertel glaubt an Wunderheiler. Diese Schülerinnen und Schüler haben nicht etwa nichts im naturwissenschaftlichen Unterricht gelernt. Sie haben ihn nur nicht auf ihr eigenes Leben, auf ihre individuelle Form des Erkenntnisgewinns bezogen. Sie vertrauen den Ergebnissen naturwissenschaftlicher Forschung nicht, weil sie nicht kennen gelernt haben, wie sie zustande kommen.

Ein wissenschaftspropädeutischer Unterricht darf sich eben nicht im Erstellen von Versuchsprotokollen erschöpfen. In allen Schulformen sollten Schülerinnen und Schüler authentisch erleben können, wie Erkenntnisse zustande kommen und nicht auf die im Voraus feststehende und im Buch festgehaltene Lehrmeinung warten. Im naturwissenschaftlichen Unterricht wird dies durch Konzepte des forschenden Lernens angestrebt, im Mathematikunterricht ist ein authentisches entdeckendes und modellierendes Arbeiten erste Vorbedingung für eine gelingende wissenschaftspropädeutische Bildung. Dann aber gehört zwingend auch die Reflexion über das selbst Getane und über das, was im Wissenschaftsbetrieb getan wird, dazu.

Zum guten Schluss sei aber noch eingeräumt: Die vorstehenden Forderungen klingen verdächtig nach Überforderung. Was soll die Schule denn noch alles leisten? Sind Lehrerinnen und Lehrer hierfür eigentlich richtig ausgebildet. Die Antwort hierauf muss lauten: Auch die Hochschulen tragen hier eine große Verantwortung. Eine Gymnasiallehrerausbildung, die im Laufe des Studiums nur Lernstoff anhäuft, führt bei den Studierenden nicht zu einer wissenschafts- und erkenntnistheoretisch reflektierten Position. Hier ist die Didaktik aufgefordert, aber auch die Fachwissenschaft, zur Kenntnis zu nehmen, dass gerade zukünftige Lehrerinnen und Lehrer - vielleicht noch mehr als zukünftige Mathematiker und Physiker - ein solides Orientierungswissen über aktuelle Inhalte und Diskussionen benötigen.


Prof. Dr. Timo Leuders ist ausgebildeter Physiker, war Lehrer für Mathematik und Physik und ist zurzeit als Hochschullehrer an der Pädagogischen Hochschule Freiburg tätig.